Ausstellungsmarathon : Der Mann mit dem Goldgrund

Malerstar des Fin de siècle: Wien feiert den 150. Geburtstag von Gustav Klimt. Ein Rundgang.

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Aug in Aug mit den Göttern. Gerwald Rockenschaubs skulpturale Intervention in der Wiener Secession ermöglicht die Nahsicht auf Klimts „Beethovenfries“.
Aug in Aug mit den Göttern. Gerwald Rockenschaubs skulpturale Intervention in der Wiener Secession ermöglicht die Nahsicht auf...Foto: Wolfgang Thaler

In Pontebba schmeckt ihm der Strudel gut, in Pisa regnet es nur, in Ostende und London verkühlt sich der arme Kerl. Gustav Klimt erging es auch nicht anders als gewöhnlichen Touristen. Kommentare zum Essen, zum Wetter, der eigenen Befindlichkeit – wenig mehr findet sich auf den fast täglichen Postkarten, die der große Maler von seinen Reisen an die Lebensgefährtin Emilie Flöge schrieb.

Aus Ravenna teilt er am 2. Dezember 1903 für die Kunsthistoriker endlich Brauchbares mit: „viel armseliges – die Mosaiken von unerhörter Pracht“. Der Maler schwärmt von der byzantinischen Kirchenausstattung, deren Lust am Goldgrund sich auch in seinen späteren Bildern niederschlagen sollte. Die Reise-Impression wird zum künstlerischen Erweckungserlebnis. Zurückgekehrt nach Wien, beginnt Klimts „Goldene Periode“: Werke wie „Der Kuss“ oder das „Bildnis Adele Bloch-Bauer I“ entstehen, für das 2006 in New York mit 135 Millionen Dollar der Höchstpreis für ein Bild weltweit gezahlt wurde.

Es hat etwas von einer Schlüsselloch-Perspektive, dem Genie durch die Postkartenlektüre so nahe zu sein und auf diese Weise von seinen kleinen Wehleidigkeiten zu erfahren, dem Schwänzen der Französisch-Stunden, die er mit Emilie Flöge nahm, den Ermahnungen, an das Opernglas zu denken für den abendlichen Theaterbesuch. Was heute die Mail ist, war um 1900 das Rohrpostsystem. Man benachrichtigte einander auf die Schnelle, ohne Rücksicht auf Stil, manchmal sogar auf die Rechtschreibung. Bei Klimt erfahren diese Kurzmitteilungen allerdings höhere Weihen, sie sind Hauptgegenstand einer Ausstellung im Wiener Leopold-Museum. Es besitzt die Hälfte der rund 400 Postkarten, die Klimt seiner Muse Emilie Flöge zwischen 1897 und 1917 schrieb.

Noch ist nicht alles ausgeforscht im Leben und Werk des bekanntesten österreichischen Künstlers. Von sich selbst hat er einmal behauptet: „Schon wenn ich einen einfachen Brief schreiben soll, wird mir angst und bang wie vor drohender Seekrankheit.“ Da es an bedeutenden Schriften fehlt und der aus einfachen Verhältnissen stammende Klimt anders als etwa Oskar Kokoschka keine literarischen Ambitionen besaß, müssen seine Postkarten herhalten. Zwar nur ein Aperçu der Kunstgeschichte, aber ein charmantes, das einem den Malerstar des fin de siècle als Alltagsmenschen näherbringt.

Klimts 150. Geburtstag bringt die Hauptstätte seines Wirkens gewaltig in Wallung. Acht Sonderausstellungen beschäftigen sich im Jubiläumsjahr mit seinem Schaffen, sein Atelier wird hergerichtet, Madame Tussaud’s nimmt ihn in seinem berühmten blauen Malerkittel in ihr Wachsfigurenkabinett auf. Und wo immer der Mann mit dem Rauschebart in Palais oder öffentlichen Gebäuden mit seinem Pinsel Spuren hinterließ, wird dem Besucher Zugang verschafft, ja sogar der Aufstieg in luftige Höhen ermöglicht, um die Wandbilder en detail zu sehen.

Das Kunsthistorische Museum prunkt mit seinem Stiegenhaus, für dessen Dekorierung 1900 die „Maler-Compagnie“ beauftragt wurde, zu der noch Klimts Bruder Ernst und Franz Matsch gehörten. Über ein eisernes Gerüst gelangt der Besucher in Augenhöhe mit Pallas Athene, der ägyptischen Isis, einem lockigen Renaissance-Jüngling und einem gestrengen venezianischen Dogen, die der Aufsteiger in die Zwickel und Interkolumnien des Treppenhauses malte. Auf die gleiche Idee kam auch die Wiener Secession und ließ Gerwald Rockenschaub als skulpturale Intervention eine Plattform bauen, die nah an den berühmten „Beethovenfries“ heranführt.

Klimt sei wie eine „ausgequetschte goldene Zitrone“, aus der kaum noch „ein paar Tropfen zu gewinnen“ sind, lästerte zu Jahresbeginn „Die Presse“. Sie ist den Kult um die Genies der Jahrhundertwende leid, mit dem Wiens Tourismusbehörde immer wieder das Stadtmarketing ankurbelt. Und doch wäre es ein Fehler, das Jubiläum zu übergehen, denn das Interesse an Klimt hat nicht nur mit den Rekordpreisen zu tun, die schon zu Lebzeiten des Malers gezahlt wurden, oder mit den schlüpfrigen Geschichten, die um das Treiben im Atelier des begnadeten Aktzeichners ranken. Seine Werke gehören zum kollektiven Bildergedächtnis. Woher sie kommen, was wir in ihnen suchen, ist allemal eine Betrachtung wert.

So hätte man sich zum Jubiläum eine Grundsatzausstellung gewünscht. Doch kam sie nicht zustande. Es fehlte der spiritus rector wie damals bei Werner Hofmanns epochaler Ausstellung „Traum und Wirklichkeit“ über Wiens Moderne. Dreißig Jahre später vermochten sich die Museen der Stadt nicht mehr zusammen zu raufen; sie zeigen stattdessen separat ihre Bestände. Umso mehr spürt der Besucher mit jeder Einzelschau zu einem eigenen Aspekt das Fehlen der jeweils anderen Elemente. Klimt ist nicht einer, sondern mehrere: Privatmann, Zeichner, Maler, Auftragskünstler, streitbarer Secessionist und Kulturpolitiker.

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