Kultur : Austauschmotor

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Nicola Kuhn klagt über

inhaltsleeres KunstMarketing

Die Museen von heute haben es schwer. Sie müssen um ihr Publikum buhlen, und wenn es einmal da gewesen ist, heißt das noch lange nicht, dass es wiederkommt. Die Zeiten, als man sich andächtig in ein Kunstwerk versenken konnte, sind vorbei, zum Glück. Der Museumsbesuch ist keine elitäre Angelegenheit mehr; die Menschen zieht es heute in Scharen zu den Stätten der Kunst. Und doch hat dieser Trend die Museen unter Druck gesetzt; die leeren Kassen tun ein Übriges. Besuchermassen müssen ran; das Ausstellungshaus der Gegenwart steht wie jeder Rundfunksender unter Quotenzwang.

Als Wunderwaffe dient dabei das Event. Nichts zieht mehr als das glanzvolle Großereignis. Das Phänomen lässt sich seit gut zwei Jahrzehnten in der Museumslandschaft beobachten. Den Anfang machten in den Achtzigerjahren die Blockbuster-Shows, Großausstellungen, die sich ihre eigenen Themen suchten. In den Neunzigern folgte das Wunder der Museumsgründungen, denn Kunst in Kombination mit einer neuen Architektur brachte nicht nur die Ausstellungshäuser frisch ins Geschäft, sondern mehrte auch das Prestige der Kommunen. Der Kater folgte auf den Fuß: Schon nach Jahresfrist sanken meist wieder die Besucherzahlen. Zum Schreckgespenst aber wurden jene Häuser, in denen ganze Säle wenig später wieder geschlossen werden mussten, weil das Geld für das Wachpersonal nicht mehr reichte.

Das neue Dezennium bringt eine weitere Spielart des Mega-Kunstsellers: das Ausleihen und der Tausch kompletter Sammlungen. Das MoMA macht es in Berlin glanzvoll vor. Die Städte Köln und München ziehen auf ihre Art nach: mit einer regelrechten Kunstrochade. Das Münchner Lenbachhaus gibt den „Blauen Reiter“ für drei Monate an den Rhein, das Museum Ludwig lässt dafür seinen Picasso ziehen.

Muss das wirklich sein? Sicher, es wäre vermessen zu sagen, die „Masterpieces“ der Moderne möge man sich, bitte schön, in New York anschauen; nicht die Kunst, sondern der Kunstfreund solle ins Flugzeug steigen. Vielen wäre die Begegnung mit diesen Bildern ansonsten nie vergönnt gewesen. Nein, was stört an diesen Kunstverschickungsprogrammen – abgesehen von den restauratorischen Risiken –, ist die Verpackungsmethode. Die Neue Nationalgalerie erhält das MoMA im Paket, sie braucht nur noch aufzuhängen; auch Lenbachhaus und Museum Ludwig machen sich abgesehen von der Logistik und dem Rahmenprogramm keine weiteren Gedanken.

Das Museum entbindet sich damit einer seiner wichtigsten Aufgaben: mit den Bildern, die ihm überantwortet sind, auch zu arbeiten. Das heißt: neue Erkenntnisse zu vermitteln. So wird etwa in Berlin versäumt, die großartigen Werke mit der eigenen Sammlung in einen Dialog zu bringen. Im Vordergrund steht das Kulinarische, dahinter steckt das Dogmatische der amerikanischen Ausstellungspolitik. Lenbachhaus und Museum Ludwig setzen ihrerseits auf die Sensation der neuen Kulisse. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass nun weit mehr Menschen Kandinsky, Franz Marc und Picasso sehen werden als zuvor an ihrem Stammplatz.

Das Museum reduziert sich damit jedoch zum reinen Promoter, zum Rädchen in der Freizeitindustrie. Es verkauft sich unter Wert, denn eigentlich hat es mehr zu sagen. Durch kluge Ausstellungskonzepte vermag es Bilder immer wieder neu zum Sprechen zu bringen; nicht nur schöne Eindrücke zu schenken, sondern unseren Kulturhorizont zu erweitern. Der neueste Knüller des Museums Ludwig: Es plant eine Kunstaktion mit Medienstar Harald Schmidt, der plaudernd mit Publikum durch leere Räume laufen will.

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