Austellung : Die Aura der Druckfahne

Wie aus einer Idee ein Kunstwerk wird: Die Ausstellung "Notation“ in der Akademie der Künste setzt sich mit dem Seriellen auseinander. Diese besticht vor allem durch die Vielfalt der Exponate.

Michael Zajonz
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Sisyphosarbeit: Mel Bochners "Counting Alternatives: Second Reading", 1973 -Foto: Promo

Eine kleine Kiste aus hellem Holz, der Deckel geöffnet, und drin ist – nichts. "Intuition“ heißt das Multiple von Joseph Beuys, und das sitzt. Beuys’ Kistenwitz ist ganz sicher eine der unscheinbarsten Arbeiten in der mit über 450 Werken von rund hundert Künstlern nicht eben bescheiden bestückten Ausstellung "Notation. Kalkül und Form in den Künsten“. Sie findet in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg und – mit einer Installation von Christoph Steffner – im Akademiefoyer am Pariser Platz statt.

Beuys’ dialektische Kombination von banalem Behältnis und hochmögendem Titel sagt eigentlich alles, was man zu dieser Ausstellung wissen muss: Man sieht nur das, was man weiß. Aber auch: Das Nichtwissen kann, wenn man seinen Gedanken freien Lauf lässt, viel Spaß machen.

Schwerer Stoff wunderbar verarbeitet

Der Künstler Dieter Appelt, der Bildwissenschaftler Hubertus von Amelunxen und der Medienkünstler und Theoretiker Peter Weibel haben diese bemerkenswerte Ausstellung kuratiert. Ihre Themen klingen gedankenschwer: prozessuales künstlerisches Denken, zeitlicher Verlauf sowie die mit beidem verknüpfte Wandelbarkeit von Formen in den Künsten des 20. und 21. Jahrhunderts. Und immer geht es um die Niederschrift der Idee in Partituren, Drehbüchern, Manuskripten, architektonischen Konstruktionszeichnungen.

Gewidmet ist die Koproduktion der Akademie und des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, die leicht zu einem verkopften Debakel hätte werden können, dem vor drei Jahren verstorbenen Schweizer Kurator und Documenta-Impressario Harald Szeemann. Dass die Ausstellung in guter Szeemannscher Tradition zugleich anspruchsvoll und federleicht wirkt, verdankt sich dem sicheren Gespür der Kuratoren für Qualität. Lange schon hat man die wunderbar weitläufigen Kunst-Wandelhallen des Düttmann-Baus nicht mehr so aufregend bespielt erlebt.

Wenn ein System zum Kunstwerk wird

Notation ist ein Begriff aus der Welt der Musik und meint das Aufzeichnen von Tonfolgen in einer Notenschrift ebenso wie das sinnstiftende Zeichensystem selbst. Das Gros der ausgestellten Arbeiten – unabhängig davon, ob es sich um Werke der bildenden Kunst handelt oder um filmische, musikalische, theatralische, tänzerische und literarische Beispiele – schafft spielend den Spagat zwischen dem Repräsentationsballast von Megasystemen und einer oft betörenden Sinnlichkeit jenseits des Abbildhaften.

Bewusst wird darauf verzichtet, zwischen künstlerischen Gattungen oder zwischen Artefakten und Dokumenten zu unterscheiden. "Es geht uns nicht ums absolute Kunstwerk,“ betont Appelt beim Rundgang, „sondern um die Offenheit von Prozessen.“ So rückt Serielles, Geschichtetes, zur "Wiederaufführung“ Gedachtes in den Blick. Und der Unterschied zwischen Bild, Drehbuch, Partitur, Architekturmodell und Manuskript schrumpft zur Marginalie.

John Cage hängt neben Cy Twombly, Walter Benjamins kryptische Farbsignets zu den "Pariser Passagen“ werden vis-à-vis von Le Corbusiers Modell des Phillips-Pavillons von 1958 präsentiert, einer der frühesten, gemeinsam mit Edgar Varese und Iannis Xenakis konzipierten Multimedia-Architekturen.

Die Austellung gleicht einer riesigen Wundertüte

Der traditionelle Originalitätsbegriff ist seit Marcel Duchamps’ Readymades – eine bedauerliche Leerstelle der Ausstellung – relativiert worden. Und doch wimmelt es nur so von wunderbaren Arbeiten, die sich durchaus in traditionellen Werkbegriffen fassen lassen und vor allem ästhetisch überzeugen. Auch ohne entsprechendes Diskurswissen kann der Besucher viele Entdeckungen machen, wenn er seinen Augen traut. Die Ausstellung gleicht einer riesigen Wundertüte.

Da gibt es zum Beispiel die kleinen enigmatischen Fotografien des Pariser Physiologen Étienne-Jules Marey, entstanden um 1900. Marey fotografierte das Einströmen von Rauch in einen selbstkonstruierten Strömungskanal. Und nähert sich damit einer Idee, die Avantgardekünstler seit Kandinsky umgetrieben hat: unsichtbare Kraftlinien fixieren, ohne ihr Geheimnis zu zerstören.

Partituren, Drehbücher und andere Notate aus nichtbildnerischem Zusammenhang können durchaus eine Aura ausstrahlen. Allen voran die von Marcel Proust korrigierten Druckfahnen der "Recherche“ aus der Sammlung Reiner Speck. Proust hatte die Angewohnheit, die vom Verlag Galimard zugesandten Druckfahnen mit Hilfe seiner Haushälterin an die Wand zu pinnen, je ein leeres Blatt links und rechts daneben. Darauf hat er dann weiter geschrieben, als lebendige Textverdichtungsmaschine. Ein uferloses künstlerisches Verfahren.

Als aus dem Seriendenken der Film wurde

Aus dem Hang zum Seriellen heraus wird Film zum Leitmedium des 20. Jahrhunderts. Auch hier wartet "Notation“ mit großartigen, oft aus den Tiefen des Akademie-Archivs zutage geförderten Schätzen auf. Bert Brecht etwa ließ seine frühen Inszenierungen filmen, mit 16 statt der üblichen 24 Bilder pro Sekunde.

So bei "Mann bleibt Mann“ von 1931. Als Einzelaufnahmen in ein Regiebuch eingeklebt und vom Meister mit handschriftlichen Anweisungen versehen, sollten Filmbilder das einmal Erarbeitete kodifizieren. Und stellen doch eine Raum-Zeit-Inszenierung eigener Ordnung dar.

Dass Aufzeichnungen für die Ewigkeit wahre Sisyphosarbeiten sind, zeigt ein kleiner Film des großen belgischen Neodadaisten Marcel Broodthaers. In "Departement des Aigles“ beschreibt der Künstler mit heiligem Ernst und etwas zu flüssiger Tinte eine Papierrolle. Bis der große Regen kommt.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10 und Pariser Platz 4, bis 16. 11. Der Katalog kostet in der Ausstellung 39 €, im Buchhandel 45 €.

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