Austellung : Die Welt wird hell und gut

Spot an: Das Märkische Museum, dessen historisierendes Gebäude vor 100 Jahren eröffnet wurde, bringt für die Jubiläums-Schau "Berlin im Licht" seinen Stadtmuseumsapparat in Fahrt. Die Ausstellung Sie skizziert die Evolution städtischer Beleuchtung, des Großstadtlebens überhaupt, und zugleich die Berlin-Story unter Licht-Aspekten.

Thomas Lackmann

Die Welt, unsere Weltstadt, det olle Berlin, lässt sich zum Beispiel so angucken: Am Anfang ist Tag hell, Nacht schwarz, abgesehen von Funzeln oder königlichen Feuerwerken. Dann kommt mit den Rivalen Gas und Strom Wirbel in die Tageszeiten. Beschleunigung des Großstadt-Taktes, Schichtarbeit, industriell produzierte Illumination. Straßen und Kammern leuchten im Dustern, Fortschritt heißt Energie plus Enlightenment. Rotlichtviertel, Lichtspieltheater, Bühnenzauber offerieren Glimmer der Illusion. Diktatoren schüchtern ein durch Lampenkaskaden, installieren gleißende Kontrollscheinwerfer. Im Bunker verfinstert sich die Flak-Stadt der künstlichen Sterne zur Kellerfalle. Die geteilte Kapitale der Reklamen und Imponierleuchtkörper spiegelt den Wettstreit der Systeme. Die Metropole heute protzt mit transparenter Glaskonstruktion. Die Welt wird hell und gut.

Das Märkische Museum, dessen historisierendes Gebäude vor 100 Jahren eröffnet wurde, bringt für die Jubiläums-Schau „Berlin im Licht“ seinen Stadtmuseumsapparat in Fahrt. Die Präsentation demonstriert eigene Institutionschronik durch Zitate der vor 80 Jahren veranstalteten Berliner Lichtwochen, von denen die Ausstellung den Titel nimmt. Sie skizziert die Evolution städtischer Beleuchtung, des Großstadtlebens überhaupt, und zugleich die Berlin-Story unter Licht-Aspekten. 1400 Quadratmeter, 1400 Objekte im Assoziations-Labyrinth.

Kulturgeschichte als Stadtchronik, erzählt in 30 Zimmern. Raum 1: das Funzelarsenal der Ausstellung anno 1928, angefangen bei Lichtstöcken und Kienspanhaltern. Raum 2: die urige Straßenlaterne. Nr. 3: gelbe Lichtbänder an der Decke, antike Stromzähler an der Wand. Nr. 4: AEG-Chef Walter Rathenau, gemalt von Munch, und der Kampf der Energie-Imperien. Nr. 5: Eine Rathenau-Büste beäugt den Umgang mit Rohstoffen zur Weltkriegszeit. Nr. 6: Kristalllüster über abendlichen Stuben. Nr. 7: Künstlerimpressionen – Hans Baluscheks „Zukunft“ (1920) zeigt die Schwangere vor lichtverströmenden Fabriken, sein „Dirnenwinkel“ (1929) nass schimmernden Straßenstrichasphalt vor roten Spelunkenfenstern. Nr. 8: das Spiegelkabinett der PR-Filme mit Fortschritts-O-Ton; da nun „alle praktischen Bedürfnisse auf allen Gebieten menschlicher Betätigung befriedigt werden können“. Nr. 9: ein Modell des opulent erhellten Großen Schauspielhauses von Max Reinhardt. Nr. 10/11: Paillettenkostüme im „Zwielicht des Vergnügens“, bombastischer Federschmuck. Nr. 12–14: Totalitäre Inszenierung – der Fackelzug zur NS-Machtergreifung und Albert Speers monumentale „Lichtspender“ an der Ost-West-Achse, die 1940 verdunkelt wird. Nr. 15: Berlin im Nichts; Ruinenleere; grelle Ku’damm-Nachtschwärmer um 1952. Nr. 16: pompöses Gelichter an der Stalinallee, Peitschenlampen am Mauerstreifen, Rias-Leuchtreklame …

Nicht schlappmachen! Es folgen Stadt- Fotos von 1928, Lichtarchitektur-Entwürfe, Infos zur Lichtdesigner-Ausbildung, ein Techno-Eckchen, Kunstinstallation vor mittelalterlichen Objekten, Berlinale-Fotos sowie welche zum Thema „Lichtungen“ und „Nacht in Berlin“. Die Abteilungen des Hauses haben aufgetragen, was ihr Depot zu bieten hat, verlieren sich in Seitenpfaden, zelebrieren ihr Institut als Schatzkammer, Rumpelstube, verlieren mitunter den Faden.

„Und zum Spazierengehn genügt das Sonnenlicht. Doch um die Stadt Berlin zu sehn, genügt die Sonne nicht“, träumte Kurt Weills „Berlin-im-Licht-Song“ 1928. „Das ist kein lauschiges Plätzchen, das ist ’ne ziemliche Stadt. Damit man da einiges sehen kann, da braucht man schon einige Watt. Na wat denn, na wat denn, was ist das für ’ne Stadt denn? Komm mach mal Licht, damit man sehn kann, ob was da ist …“ Pathos, Poesie und Ironie dieses Chansons gehen der Ausstellung ab, gleichwohl sollten Technikfreaks und Lokalpatrioten sich vergnügt hineinstürzen ins Licht-Schatten-Spiel der neuen Zeit: als Erich Mühsams Lampenputzer-Revoluzzer die Genossen um Gnade für sein bürgerliches Leuchtelicht anflehte. Als Otto Kermbachs Band blödelte „Licht aus, Messer ’raus!“, Lili Marleen melancholisch an der Kasernenlaterne stand und Hilde Knef unkte: „Wo einmal Licht war, gab’s auch ein Dunkel, was haben Menschen daraus gemacht … Wir feiern Feste, haben satt zu essen, und längst vergessen den Feuerschein …“ Licht ist Leben, Zivilisation, Blendung. Berlin dunkelt nach – Spot an!

Märkisches Museum, bis 1.2.2009, Di/Do/So 10–18, Mi 12–20, Fr/Sa 14–22 Uhr

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