Kultur : Australische Architektur: Brutalismus aus dem Busch

Moritz Schuller

Nationalität hat als architektonische Kategorie noch nie viel bedeutet. Architekten werden zu Recht eher ästhetischen und ideologischen Schulen zugeordnet. Auch die kleine Ausstellung "40 Up - Australische Architektur" im Stilwerk über die junge, zeitgenössische Architektur Australiens zeigt, dass ein geographischer genius loci höchstens im Olympiajahr eine adäquate Klammer für 40 unterschiedliche Architekten sein kann. Viele dieser jungen Architekten haben in San Franzisko oder London studiert und haben für so unterschiedliche Büros wie Terence Conran, Ove Arup oder Matteo Thun in Mailand gearbeitet. Und immer wieder ist in der Ausstellung der Einfluss dieser Biographien zu spüren. Geoff Crosbys gläsernes Haus oder auch die Arbeiten des Büros Engelen Moore aus Sydney stehen in der Tradition eines europäischen, deutsch-russischen Modernismus. Und niemand wäre überrascht, wenn die lakonisch-kühle "Snakepit Bar" von Chris Connell in Mitte eröffnet worden wäre.

Bei David Langston-Jones - ein Schüler Norman Fosters - ist ein spielerischer Rückbezug auf die regionale Bautradition zu erkennen. Wie einst die Grass- und Palmenhütten setzt Langston-Jones seine Metallhäuser auf Stelzen, zieht die Dächer spitz nach oben und richtet seine Raumaufteilung nach der Sonneneinstrahlung aus. Wie bei den Lehmhütten der Dogon in Mali folgt die Form mit zeitgenössischen Materialien der tradierten Bauweise. Auch Robert McBrides dramatisch aufsteigendes Haus "MT Martha" (1988) nimmt in seiner Kleinfenstrigkeit die Klimabedingungen elegant auf. Bei Davina Jackson, die Herausgeberin von "Architecture Australia" und Kuratorin der Ausstellung, firmiert diese Architektur unter "bush brutalism", Architekten also, die für den Einbezug der rohen, rauhen Natur Australiens stehen. Dazu zählen auch Peter Stutchberry und Phoebe Pape, die kürzlich den "Sydney International Archery Centre" fertig gestellt haben, einen länglichen Holzpavillon, umgeben von einem Heer von Telegrafenmasten.

Die meisten abgebildeten Häuser sind aber etwas anderes: glatte, minimalistische Nester, wie man sie aus Architectural Digest oder wallpaper* kennt, gebaut für Menschen, die sich Architekten leisten können. Der Architekturtheoretiker Leon van Schaik nennt im Nachwort des Katalogs diese Architektur ein "dreidimensionales Bilderbuch". Dass die Arbeiten auf runden Plexiglassäulen vorgestellt werden, die wie Werbetafeln im Innenhof des Stilwerks stehen, verstärkt diesen Eindruck. Wer in den Häusern wohnt, spielt in den kurzen Begleitbeschreibungen jedenfalls keine Rolle, in welches Umfeld hineingebaut wurde, auch nicht. Über diesen eleganten Solitären ist der Himmel blau, das ist wohl so in Australien. "Glücklicherweise", schreibt van Schaik, "gibt es Architektur in dieser Ausstellung, die auf eine andere, eine lebhaftere und chaotischere Beziehung zur Welt zielt."

Doch Schaiks Versuch, die Gebäude geographisch zu verankern, mutet aus der Entfernung fast absurd an. Er schreibt, die rauen Materialien, die Schnitte und Brüche in dem von Sam Marshall gestalteten Lagerhaus würden eher nach Melbourne als nach Sydney passen, Adelaides Architektur sei utopisch, Brisbanes traditionell. Das mag so sein, aber ein Besucher, der froh ist, diese Städte überhaupt auf dem Globus zu finden, möchte es so genau wohl gar nicht wissen. Und auch das stimmt: Betrachtet man John Wardles hölzernes Wohnhaus, denkt man erst an die Arbeiten des Schweizers Peter Zumthor und dann an einen anderen Ort pazifischer Kultur, an die Architektur Japans. Was diese Architekten vor allem verbindet: das Fehlen aufwendiger Großprojekte, und auch das hat wenig mit Australien, aber viel mit dem Alter dieser Architekten zu tun: keiner ist älter als 45 Jahre. Die Ausstellung ist damit die erste Bestandsaufnahme einer kommenden Architekten-Generation.

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