Kultur : Austro-japanische Barfuß-Klassik

Jörg Königsdorf

Angesichts der Hundertschaften Klavier spielender Japanerinnen, die regelmäßig Preise bei internationalen Wettbewerben abräumen und anschließend sofort wieder in der Versenkung verschwinden, ist der Erfolg von Mitsuko Uchida doppelt bemerkenswert: Seit etwa fünfzehn Jahren gehört sie zu der kleinen Gruppe von Pianisten, deren Persönlichkeit sich bei einem großen Publikum als etwas Besonderes eingeprägt hat. Nicht nur durch ihr kristallines, linienbetontes Klavierspiel, sondern auch durch ihr so ganz unjapanisch wirkendes impulsives Temperament, das in Musikfilmen und Talkshows immer wieder fesselt: Erst barfuß mit chaotisch verwirbeltem schwarzen Haarschopf am Klavier, dann im Gespräch mit weit ausholenden Gesten, voller Emphase und ansteckender Begeisterungsfähigkeit von der Größe Mozarts, Schuberts und Debussys schwärmend. Die Uchida sieht sich als Wienerin und bestreitet ihre Klavierabende zum überwiegenden Teil mit Wiener Komponisten. Auch ihr Recital im Kammermusiksaal macht da keine Ausnahme: Um zwei Schubert-Sonaten herum gruppiert sie Werke der ersten (Mozarts h-moll Adagio) und zweiten (Berg und Webern) Wiener Schule (6. 10.).

Charakteristisch für Uchida ist der Glaube an die Größe und eherne Wahrhaftigkeit der von ihr gespielten Musik, bloßes Entertainment weist sie genau so von sich wie eine Auseinandersetzung mit historischer Aufführungspraxis - und bildet damit einen interpretatorischen Gegenpol zu einem Musiker wie Bruno Weil, der einen Tag später mit dem Orchester der Komischen Oper auftritt. Weil hat sich weg vom "normalen" Kapellmeister zunehmend hin zu einem Spezialisten für die Werke der Wiener Klassik in historisierender Aufführungspraxis entwickelt. Den meisten Originalklang-Experten hat er allerdings das sicher beherrschte Dirigierhandwerk voraus. Die Aussichten, dass er dem Opernorchester in den Proben seine Beethoven- und Haydn-Sicht einstudieren kann, stehen so nicht zum Schlechtesten (7.10.).

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