Auswärtige Amt : Unser Duktus

Das Auswärtige Amt und seine „Sprache der Ideen“.

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„Abendrot. Blütenstaub. Alpenglühen.“ Der Außenminister hält inne, er lauscht dem Klang der schönen Worte nach, dann sagt er: „Diese Worte klingen schön. Sie bewegen die Fantasie.“ Er ist ja bekannt dafür, dass er sich nicht auszusprechen scheut, was man in diesem Land noch sagen dürfen muss, und deshalb bringt er es auf den Punkt: „Unsere Sprache kann sehr blumig sein.“

Dr. Guido Westerwelle ist an diesem Abend ins Radialsystem gekommen, um seine Muttersprache und die von weiteren hundert Millionen Menschen in Europa zu feiern. „Die deutsche Sprache in der Welt – Eine Hommage“ heißt die Veranstaltung, sie ist der Auftakt der Kampagne „Sprache der Ideen“, die das Auswärtige Amt mit allerlei Partner- und Mittlerorganisationen wie etwa dem Goethe-Institut ins Leben gerufen hat. Der Titel erinnert an eine Erfolgsserie des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) namens „Land der Ideen“, die seit der Fußball-WM 2006 täglich wechselnde Orte als Ausweis nationalen Erfindungsreichtums präsentiert, darunter Innovationsgiganten wie das Europäische Spargelmuseum in Schrobenhausen. Ideen kann man gar nicht genug haben.

Westerwelle erklärt, man könne statt „Hommage“ natürlich auch „Ehrerweis“ oder „Lobpreisung“ sagen, müsse man aber nicht. „Das Deutsche ist selbstbewusst genug, sich auch mit anderen Sprachen zu vertragen.“ Selbstbewusstsein ist ein gutes Stichwort. Natürlich weiß der Minister, dass seine zum Youtube-Klassiker avancierte Weigerung, mit einem britischen Reporter Englisch zu reden („Es ist Deutschland hier!“) nachhallt. Aber er versteht es, den Fauxpas zum Gag umzudeuten, etwa: „Sie werden verstehen, dass ich meinen kurzen Vortrag auf Deutsch halte“, und überhaupt linguistisch grundsätzlich zu werden: „Es kommt darauf an, wie man etwas sagt. Das nennt man Duktus. Sie wissen, jeder hat seinen eigenen Duktus.“

Worum geht es Westerwelle an diesem Abend? Darum, noch mehr Menschen im Ausland Lust auf die Mundart eines Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine oder auch Franz-Josef Wagner zu machen, der als „Bild“-Poet kürzlich einen Geistesverwandten im Außenminister erkannte: „Sie sagen klare Sätze. Sie sind mein Bruder.“ Und es geht darum, in eine staatsmännisch schwärmerische Rede („Deutsch als Sprache der Herzen, als Sprache im Herzen Europas“) Begriffe wie „Leistungsbereitschaft“ und „Innovation“ einzustreuen, die nicht ganz so blumig klingen wie Abendrot oder Blütenstaub. Aber, bei aller Liebe: Vom Alpenglühen kann man sich nichts kaufen.

Die Berliner Festspiele haben dazu ein feines Kulturprogramm zusammengestellt. Unter anderem liest der Schriftsteller Péter Esterházy einen Text, in dem der Erzähler beim Anblick des kolossalen weißen Schlüpfers seiner dicken Deutschlehrerin ein Aha-Erlebnis hat: „Ich war immer mehr überzeugt, dass ich dort unten, wo der Bauch begann, die deutsche Sprache selbst sah, gigantisch, rein und geheimnisvoll.“ Patrick Wildermann

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