Kultur : Auswandern? Ja, bitte!

Und dann sind doch alle geblieben: Österreichs Intellektuelle vor den Wahlen am kommenden Sonntag

Paul Kreiner

Was war das für ein Geschrei! Mitte Oktober bekam Claus Peymann in Wien den Nestroy-Preis für sein theatralisches Lebenswerk verliehen, und Multikünstler André Heller als beredter Laudator und Selbstdarsteller erzählte ein „Märchen". Das handelte von einem Politiker, der sich durch Bruch eigener Versprechen zum Bundeskanzler „erhoben“ hatte, der mit „Figuren“ koalierte, „die Hitlers Beschäftigungspolitik erstklassig fanden", dann aber „kläglichen Schiffbruch“ erlitten und Österreichs Ansehen beschädigt hatte. Bei den Wahlen am 24. November, fabulierte Heller weiter, wolle dieser Kanzler Wolfgang Schüssel ein weiteres Mandat für seinen „zynischen Egotrip“ erhalten.

Schauspielerin Andrea Eckert rief das hingerissene Publikum dazu auf, „den Wahltag nicht wieder in einer Schmierenkomödie enden zu lassen." Da tobte die rechte Hälfte der Republik. Heller habe seinen Auftritt für eine schnöde Wahlkampfrede missbraucht. Der junge Theaterpreis sei geschändet. Der Bankchef und Hauptsponsor rügte Heller als „respektlos", und die Kanzlerpartei ÖVP kündigte rechtliche Schritte gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen an, weil dieses die Schüssel-kritischen Passagen nicht herausgeschnitten habe. (Peymann übrigens gab den Preis wegen des „Gezeters“ zurück.)

André Hellers Auftritt war der letzte seines Schlages. Anfang 2000, als Wolfgang Schüssel die Sozialdemokraten aus der Regierung getrickst und Haiders Partei zur Macht verholfen hatte, da war ein Feuer der Empörung in Österreichs Künstler- und Intellektuellenszene aufgelodert. Brandreden bei Großdemonstrationen, Blitzeschleudern in Zeitungsartikeln, und immer wieder Stichflammen, die aus Konzerten, Theaterstücken, Massenveranstaltungen hervorbrachen: Weg mit den Rechtsextremen! Eine geradezu hysterische Kampagne hatte um sich gegriffen: Auswandern? Natürlich: Auswandern! Alle sind geblieben. Und jetzt, vor den überraschend plötzlichen Neuwahlen, ist es in der Szene verdächtig ruhig.

Natürlich haben sich die „üblichen Verdächtigen“ weithin sichtbar auf die Wahlplattform des sozialdemokratischen Spitzenkandidaten Alfred Gusenbauer heben lassen. Aber die Begeisterung hält sich in Grenzen. Von der Wendestimmung gar, die sie vor zwei Jahren hatten heraufbeschwören wollen und die jetzt eine reale Grundlage hätte, spürt man nichts.

Die Desillusionierung und Desorientierung hat mehrere Ursachen. Zum einen hat die rechtskonservative Regierung ihre Kritiker geschickt enttäuscht und das Kulturleben weder ideologisch behindert noch zensiert. Gewiss jammerten Initiativen, Theater- oder Filmleute da und dort immer wieder über gestrichene Subventionen oder über Ansätze, Geld nur im Tausch gegen politisches Wohlverhalten herauszugeben, aber ein kohärentes Vorgehen der Regierung gegen die „linke“ Kultur war nie festzustellen. Aus Mangel an Beweisen also gelang es den Künstlern nie, ihre Widerstandsfront aufrechtzuerhalten oder auszubauen.

Einstige Protagonisten der Auflehnung scherten stillschweigend aus: Elfriede Jelinek, derzeit von einem Boom an Premieren verwöhnt, widerrief das Aufführungsverbot für ihre Werke in Österreich ohne großes Aufhebens. Wesentlich folgenreicher dürfte sein, dass Österreichs Intellektuelle inzwischen Schüssels Politik schätzen gelernt haben. Ausgerechnet dem konservativen Kanzler ist mit seiner Einbeziehung der FPÖ ja gelungen, was sozialdemokratisch geführte Vorgängerregierungen mit ihrer verbalen Ausgrenzungspolitik nicht geschafft haben: Jörg Haider klein zu kriegen. Die Medien sind umgeschwenkt, sie tragen nunmehr Schüssels Lob in alle Welt – auch solche, deren Schaltstellen nicht (wie beim Österreichischen Rundfunk) von ÖVP-Treuen besetzt sind. Selbst der scharfzüngige, in der intellektuellen Szene tonangebende Leitartikler der Wiener Stadtzeitung „Falter", Armin Thurnher, applaudiert „dem klugen Kanzler mit den guten Nerven", wenn er auch dessen Machtpolitik und die dazugehörige Taktik – Umschmeicheln, Täuschen, Vernebeln, Tricksen – nicht goutiert.

„Jetzt nur kein Rückfall!“, sagt der Schriftsteller Robert Menasse. Schüssel habe seine Schuldigkeit getan; Zeit, ihn abzuwählen. Nicht wieder Schwarz-Blau! Aber bitte, sagen wie Menasse viele in diesen Kreisen, auch nicht wieder Schwarz-Rot oder Rot-Schwarz, wie es fünfzig Jahre lang bleischwer und „vordemokratisch“ über Österreich gelastet hatte: Wechsel! Neues! Demokratischer Wandel! Aber wohin? Genau an dieser entscheidenden Stelle passt die SPÖ. Zu einer Koalitionsaussage für die Grünen, die nun wirklich etwas Einmaliges wäre in Österreich, kann sich der verzopfte, reaktionäre Parteiapparat nicht durchringen. So bremst man die Wendestimmung. Und Parteichef Gusenbauer sagt, er könne sich eine Koalition mit der ÖVP genauso gut vorstellen. Das ist das Signal für eine Rückkehr zur großen Koalition. Wohin also mit den Genossen: Vorwärts? Rückwärts? Seitwärts? Oder etwa doch lieber Schüssel? Da weiß man wenigstens, was man hat.

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