Kultur : Ausweitung der erogenen Zone

Meike Matthes

Menschen im Büro, vom Leistungsdruck gestaucht, vom Beförderungswillen zerrüttet, doch irgendwo in den Tiefen ihrer auf Zweckdienlichkeit und Verzicht getrimmten Seelen gibt es noch diese Restsehnsucht nach Freiheit, Liebe, Wahrhaftigkeit - das ist der Stoff, den Hollywoods Traumfabriken längst verschlissen haben. Deshalb hält Roland Schimmelpfennigs neues Stück "Push up 1-3" Deja vu-Erlebnisse bereit: Diese toughe Konzernchefin, die ihre fähigste Mitarbeiterin aus der Firma mobbt, weil sie in ihr unbedingt die Geliebte ihres Mannes sehen will - erinnert sie nicht an Sigourney Weaver in "Working girl", das fiese Weibsstück, das sich mit Männermachtmitteln ihrer Konkurrentinnen entledigt? Und dieser Werbespot, über dem sich die beiden ehrgeizzerfressenen shooting stars der Firma bis aufs Blut bekriegen, ist der nicht geklaut aus diesem Film, in dem George Clooney Michelle Pfeiffer über eine grosse Pfütze trägt? Und manchmal, wenn Schimmelpfennigs intrigante Aufstiegsstrategen sich plötzlich auf ihr weggearbeitetes Privatleben besinnen, das sie vor dem Fernseher, auf dem Hometrainer, im Internet verbringen, dann denkt man auch an Billy Wilders korrumpierten Appartmentbesitzer, der nächtelang durch den Regen irrt und seine Seele verscherbelt, nur um ein Plätzchen in der Chefetage zu ergattern. Das Kino im Kopf des Autors ist unübersehbar.

Schimmelpfennig, ein empathischer Romantiker, kein knallharter Gesellschaftskritiker, kokettiert mit Klischees. Wie schon in seinem Erfolgsstück "Die Arabische Nacht" umspinnt er seine Figuren mit fadenscheinigen Sehnsüchten. Und auch über "Push up 1-3", dieser Tragikomödie der Globalisierungsopfer, liegt der ermattete Zauber einer abgewirtschafteten Traumwelt. Der Job in Delhi, für den hier jeder jeden hinters Licht führt, auf die Knie zwingt, an die Wand quatscht, symbolisiert die Freiheit, die es nur ganz weit oben oder ganz weit weg zu geben scheint. Dafür strampeln sie sich ab, diese Karrieretechniker mit ihren Kontrollverlustängsten, ihrem Profilierungswahn, ihrer Ersatzdrogensucht. Und weil all ihre Phobien und Obsessionen sie ganz sprachlos machen, und Sprachlosigkeit sich meistens mit Worten bewaffnet, ist Schimmelpfennigs verbalakrobatisches Survival-Training leider auch eine recht geschwätzige Angelegenheit.

Die Gefahr, dass daraus ein zähes Konversationsspiel wird, ist groß, und auch die Schaubühne entgeht ihr nicht. Ursprünglich sollte Tilo Werner diese Uraufführung realisieren, doch er hat sich offensichtlich schwer getan, so dass der Abend nun als Ensembleprojekt gilt, in das sich auch Thomas Ostermeier eingebracht hat. Eine sehr unentschiedene, formlose, mit launischen Verspieltheiten aufgestylte Aufführung. Seltsam halbherzig auch Ulrich Frommholds Bühnenbild, eine von Plexiglasscheiben beschirmte, von den Betonwänden der Mendelsohn-Apsis fast erdrückte Büroinsel, ein Kammerspielort, der als Kriegsspielplatz gemeint ist.

Aus drei Kampfdialogen besteht das Stück, sechs potenzielle Emporkömmlinge stürzen sich in ein mehr oder weniger gnadenloses Aufstiegsgerangel. Eher krampfhaft auf einen hysterisch-arroganten Grundton sich versteifend das Zickenduell zwischen Tina Engel und Linda Olsansky. Selbst wenn Engel "Sie dummes Stück Scheiße" keift, ihrer Kontrahentin kaffeespritzend das Make up versaut und diese sich daraufhin verpisst und zwar buchstäblich, bleibt die Contenance gewahrt. Rückhaltloser, aber auch ungenauer der Schlagabtausch zwischen Hans (Tilo Prückner), dem einsam alternden Fitness-Fanatiker, und seinem jungen Herausforderer, dem emotional verwahrlosten Computerfreak Frank (Lars Eidinger). Am bösesten, auf infame Weise unterhaltsam der Geschlechterkampf zwischen Julika Jenkins und Mark Waschke: Zwei exaltierte, von sich selbst erotisierte Egozentriker, die ihr verkorkstes Liebesspiel zum Vernichtungskrieg treiben.

Manchmal wallt eine verschüttete Ursprünglichkeit hoch, dann grunzen sie wie brünstige Gorillas oder krümmen sich jaulend wie Wölfe. Und manchmal, da fummelt der grundsolide Pförtner (Falk Rockstroh) am Weltempfänger, bis das ersehnte Morgenland sich musikalisch bemerkbar macht, die Pförtnerin (Martina Krauel) plappert derweil krauses Zeug, und das kleine Teekesselchen auf dem Metallspind spuckt gemütliche Rauchwölkchen aus: Dann weiss man, wo die reinen Menschen wohnen, nämlich ganz da unten, wo man nicht mehr fallen kann, aber auch nicht steigen muss.

So aber wird hinter Schimmelpfennigs Zweikampf-Trilogie keine verwundbare Weltanschauung sichtbar. Kein gedanklicher Horizont, auch kein beschädigter.

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