Kultur : "Ausweitung der Kampfzone": Vom Gebrauch der Früste

Peter Laudenbach

Nachdem in Dresden, Hannover und Berlin die Versuche, Michel Houellebecqs Skandal-Romane für das Theater zu adaptieren, für erhöhte Aufmerksamkeitsorgten, wollte auch das Maxim Gorki Theater nicht auf Houllebecq verzichten. Im Studio hat Martin Kloepfer seine selbst gebastelte Bühnenfassung des ersten Houellebecq-Romans "Ausweitung der Kampfzone" als zotige Farce aus dem Leben des modernen Angestellten inszeniert. Houellebecqs Protagonist Michel, der Informatiker mit dem trostlosen Sexleben, ist hier deutlich cooler als in der Romanvorlage. Frank Seppeler gibt ihn als abgeklärten Zyniker und Conferencier seines eigenen Elends. Mit dem Mikrophon in der Hand spaziert er über die Bühne und doziert über Sex und Entfremdung: ein Mensch, der das eigene Leben am besten aus der Position des kommentierenden Beobachters erträgt. Wichtigs Requisit ist eine Handkamera, mit der Seppeler herumfuchtelt; vermutlich um zu beweisen, dass Stilmittel des in die Jahre gekommenen Poptheaters im Maxim Gorki eine Endlagerstätte gefunden haben. Nur einmal ergibt der Kameraeinsatz einen Sinn. Während ein anderer Angehöriger der nivellierten Mittelstandsgesellschaft über sein sinnentleertes Leben klagt, ermuntert ihn Seppeler, vor der Kamera seinen Kummer zu zeigen: Eine Versuchsanordnung aus dem Repertoire von Psychogruppen.

Der Übergang zwischen Handlungsorten und Kommunikationsmustern ist fließend: Psychogruppe, Büro, Hotel, Diskothek, Fastfood-Imbiss. Elissa Biers Bühne, ein Sofa vor verschiebbaren Wandsegmenten, ist so multifunktional und unpersönlich wie Großraumbüros und ihre Insassen. So gelingt es Kloepfers Inszenierung, den Aufmerksamkeits-Focus von Houellebecqs Schockmomenten einer kaputten Sexualität zur Alltäglichkeit von Angestelltenexistenzen zu verschieben. Leider weicht er der Härte des Romans aus, in dem er seine Darsteller in die Karikatur treibt. Der Dialog zwischen Michel und seinem Chef (Marcus Misslin) über ein gestohlenes Auto: eine Lachnummer aus Wiederholungen und Mitleidsbekundungen. Vollends in die Witzecke gleitet die Inszenierung mit dem Auftritt von Michels Kollegen Tisserand. Thomas Schmidt gibt ihn als Mischung aus Michael Mittermaier und Jim Carey: Jeder Gesichtsausdruck eine Grimasse, jeder Satz eine kumpelhafte Pointe. Selten kommt dieses Kabarett über leerlaufendes Virtuosentum hinaus. Interessant ist die Figur trotzdem. Sie führt in der grotesken Übertreibung vor, dass der moderne Angestellte nicht nur effizient, auch zwanghaft gutgelaunt, teuer gekleidet, maßlos kommunikativ und originell sein muss. Indem Schmidt diesen Büro-Entertainer, der zum Anzug Basecape trägt, als Gute-Laune-Maniker vorführt, zeigt er sein penetrantes Siegerlächeln als zwanghafte Maske. Trotz solcher Erkenntnismomente bleibt die Inszenierung zu nett und verrät ihre Vorlage an den Kalauer, die Kampfzone an die Zote. Aus Houllebecqs Hardcore-Exstentialismus, der am Ende mit dem Mord am Strand überdeutlich auf Camus anspielt, ist ein flotter, etwas flacher, nicht unkomischer Theaterabend geworden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben