Kultur : Ausweitung der Zone

Der Westen wird der Osten sein: Wie Frank Castorf und die Berliner Volksbühnen-Gang die Ruhrfestspiele erobern

Peter Laudenbach

Es herrscht Ruhe an der Ruhr. Recklinghausen ist ein freundliches Städtchen von 127000 Einwohnern. Die sonnige Innenstadt sieht nicht so aus, als würde hier demnächst eine kleine Revolution stattfinden, auch wenn die Arbeitslosigkeit bei unschönen 11,7 Prozent liegt. Aber vielleicht sorgt gerade dieses brüchige Idyll dafür, dass Frank Castorfs Ankündigung, ein Spektakel mit dem Titel „Gier nach Gold“ auf die Bühne zu werfen, erhebliche Nervosität auslöst. Die Inszenierung nach einem vergessenen Roman von Frank Norris aus dem Jahr 1899 („McTeague“) erinnert an Erich von Strohheims legendäre Verfilmung: ein Stummfilm, der 1924 alle Maßstäbe sprengte und in der Originalfassung länger dauert als jede Castorf-Inszenierung bisher: 12 Stunden.

Es geht um Goldrausch und Selbstzerstörung, es geht um San Francisco im einst so goldenen Westen, und es geht um den immer wilder werdenen wilden Westen der Bundesrepublik, wenn Frank Castorf mit „Gier nach Gold“ am Freitag die Ruhrfestspiele 2004 eröffnet. Der Regisseur und Volksbühnen-Boss ist neuer künstlerischer Leiter des Traditionsfestivals – und er hat viele Volksbühnen-Helden vom Rosa-Luxemburg-Platz an die Ruhr mitgebracht: René Pollesch und Schorsch Kamerun, Jonathan Meese und Christoph Schlingensief, Jürgen Kuttner und Bert Neumann.

In Recklinghausen beginnt man zu ahnen, was das für das friedliche Städtchen (mit Deutschlands bedeutendstem Ikonen-Museum) bedeutet: Ärger, Aufregung, Provokation. Aber vielleicht haben sie das ja auch so gewollt, in Recklinghausen. Vielleicht haben sie den Ruhestörer insgeheim herbeigesehnt: den Theaterstar aus Berlin, der sonst zwischen Moskau, Paris, Salzburg, Wien und Los Angeles tourt. Vielleicht auch wussten sie gar nicht, worauf sie sich einlassen.

Drei Tage vor Beginn des Festivals weiß zumindest ein erregter Leserbriefschreiber in der Recklinghäuser Zeitung von „einer schmierigen Spur aus rotem Blutketschup und Schleim“ zu berichten, die Castorf auf der Bühne hinterlässt. Auch die „Einführung in Fäkalsprache, Bühnenpräsentation aller Genitalien incl. Zurschaustellung seiner jeweiligen Freundinnen“ verspricht sich der aufgeregte Theaterfreund von Castorfs Inszenierungen. Bereits im Vorfeld der ersten Festspielsaison unter neuer Leitung artikulieren sich in den Leserbriefspalten der lokalen Presse, aber auch bei Kommunalpolitikern Misstrauen, Ressentiment und leichter Schauder angesichts der Künstler, die man sich da ins Festspielhaus geholt hat. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Ruhrfestspiele befürchtet bleibende Schäden – und kündigt öffentlich an, nach Berlin zu fahren und mit seiner Videokamera zu dokumentieren, was für eine grauenvoll heruntergekommene Bude Castorfs Volksbühne ist. Die Lokalzeitung veranstaltet eine Umfrage und findet heraus, dass über 80 Prozent ihrer Leser das neue Logo der Ruhrfestspiele nicht mögen.

Vom Logo, einem giftgrünen „R“ auf weißem Grund, über das Programmheft bis zum lässigen Auftritt des neuen Festspiel-Chefs löst so ziemlich alles Irritationen aus. Man muss das verstehen: Über ein Jahrzehnt lang sorgte hier Hansgünther Heyme, Castorfs Vorgänger bei den Ruhrfestspielen, mit einer Mischung aus exotischem Entertainment und repräsentativ kritischen Uralt-68er-Klassikerinszenierungen für sozialdemokratische Behaglichkeit. Damit ist es jetzt vorbei. Es sieht so aus, als stünde dem Ruhrgebiet auch in künstlerischer Hinsicht ein radikaler Strukturwandel bevor. Und der ist ohne Krisen bekanntlich nicht zu haben.

Die Ruhrfestspiele sind nicht irgendein Festival. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg von Gewerkschaftern, Bergarbeitern und Theaterleuten gegründet, stehen sie für ein früh-bundesrepublikanisches Kunstverständnis. „Kunst gegen Kohle, Kohle gegen Kunst“ verkündet die feierliche Pott-Parole an der Fassade des Festspielhauses. Neben Nordrhein-Westfalen und der Stadt Recklinghausen ist noch heute der DGB der wichtigste Geldgeber der Ruhrfestspiele. Wie ein Monument aller alten Gewissheiten, die jetzt so nachhaltig erschüttert werden, steht das Festspielhaus im Stadtpark, ein wuchtiger Klotz schnörkelloser Nachkriegsmoderne. Und wie eine andere Weihestätte der Kunst ruht auch dieser Bau auf einem grünen Hügel. Die Ruhrfestspiele sind das Bayreuth der Sozialpartnerschaft, ein Denkmal, das sich Gewerkschaften, selbstbewusste Industriearbeiter und Sozialdemokraten in ihrem Kernland selbst gesetzt haben. Irgendwie logisch, dass jetzt, wo das korporative Erfolgsmodell der alten Bundesrepublik in die Krise taumelt, die Anarchisten aus Castorfs Gang das Symbol der sozialen Marktwirtschaft kapern. „Dieser grüne Hügel dient der Repräsentation und der Verdrängung“, sagt der Volksbühnen-Dramaturg Carl Hegemann. Und weil Castorfs Leute mit ihrem Festival diese Selbstvergewisserung kaum bedienen werden, ist das Misstrauen des alten Festspielpublikums nur berechtigt.

Sie werden ihr schönes Festspielhaus nicht wiedererkennen. Wo früher die Kleinbürger mit dem Sektglas in der Hand große Welt spielen konnten, macht sich jetzt eine Menge nicht besonders repräsentationstauglicher Kunst breit. Zum Beispiel ein Schlafsaal mit zwei Dutzend Betten wie aus Teenie-Kinderzimmern im oberen Foyer. Oder die Jonathan-Meese-Bar in einem anderen Foyer, eine Höhle, die der Malerstar mit seinen Runen und Parolen („Politbüro“) bemalt hat. Auch die feierliche Parole aus den Gründertagen steht jetzt ironisch über dem Kassenhäuschen, einer Holzhütte wie aus einer Westernstadt: „Kunst gegen Kohle“.

Was Castorf und seine Leute in Recklinghausen vorhaben, läuft auf den Versuch hinaus, die Krisen des Ruhrgebiets mit liebevoller Brutalität auszustellen. Schließlich, eine historische Pointe, entstammt auch die Berliner Volksbühne der Arbeiterbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Doch die Volksbühne, schon in den Zwanzigerjahren mit einem Theatergenie wie Piscator gesegnet, war, anders als die rein bundesrepublikanischen Ruhrfestspiele, meist konfliktfreudig.

Wenn Castorf seinem neuen Wirkungsort Komplimente machen will, klingt das so: „Das erinnert mich alles an die DDR, kurz vor dem Kollaps.“ Und wenn der Deutsche Gewerkschaftsbund wissen will, was die Künstler von ihm halten, genügt ein Blick ins Programmheft: „Machen wir uns nichts vor, es ist vorbei: Altes Europa und soziale Marktwirtschaft, 1. Mai und DGB.“ Selbst die proletarische Traditionspflege ist nicht ohne eine lässige Ohrfeige zu haben: Wenn Castorf und Franz Wittenbrink schon für musikalische Unterhaltung sorgen („Brüder zur Sonne, zur Freiheit“), dann mit einem „Arbeiterliederabend ohne Verdi“. Und auch die Sätze, die wackere Gewerkschafter und erwartungsfrohe Festivalbesucher in René Polleschs Festspiel-Inszenierung „Pablo in der Plusfiliale“ zu hören bekommen werden, dürften die Frage nach der Sozialpartnerschaft in ein ganz neues Licht tauchen: „Ich setze mit Dauerficken die Sozialverträge außer Kraft“, seufzt ein auf dem Boden liegender Schauspieler. Bert Neumann und die Aktivisten der „Rollenden Road Schau Ruhr“ wissen, dass ihr Publikum Krisen gewohnt ist: „Im Ruhrgebiet leben und arbeiten viele Crash-Test-Spezialisten. Projekte fahren schwungvoll an die Wand und kollidieren unsanft mit Strukturwandel-Altlasten.“ Klingt fast so, als würden sich Castorf und seine Leute im Ruhrgebiet ziemlich heimisch fühlen: Was das Ruhrgebiet noch vor sich hat, den Abschied von lieb gewordenen Lebenslügen und ökonomischen Illusionen, haben die Ostberliner schon hinter sich. Jetzt können sie den krisengeplagten Festivalgästen Mut machen: Wird schon nicht so schlimm werden. Daher das sarkastisch-optimistische Festival-Motto: „No Fear“.

Dieser Spott habe nichts mit Künstler-Arroganz zu tun, im Gegenteil, meint Castorf. Gerade weil ihm das proletarische Kleinbürgertum des Ruhrgebiets so bekannt erscheint, funktionieren seine Reflexe hervorragend. Bei den ewigen Aufsichtsratssitzungen zum Beispiel hat er seltsame Déjà-vu-Erlebnisse: „Ich komme mir vor wie in Anklam.“ Anklam war ein Kaff in der tiefsten DDR-Provinz. Dorthin wurde der renitente junge Theaterwissenschaftler Castorf einst nach dem Studium zur Strafe verbannt, in das Sibirien der DDR. Wobei Castorf das Duell mit den örtlichen Funktionären besser überstanden hat als die SED-Apparatschiks. Wie lang er Recklinghausen aushalten wird, ist nicht zuletzt auch eine Frage der Kohle.

Und weil Castorf gerne alles mit allem mischt, bis ein explosiver Theorie-Cocktail entsteht, findet er mühelos Querverbindungen zwischen seinen Anklam-Erinnerungen, dem Ärger über die DGB-Kleinbürger, der Krise der Bundesrepublik und seiner neuen Inszenierung. „Es geht um Marx gegen Max Stirner“, sagt Castorf, „und im Augenblick ist Stirners kleinbürgerlicher Individualanarchismus einfach ehrlicher als Marx’ Versprechen von Solidarität.“

Am 1. Mai, einen Tag nach der „Gier“-Premiere, will Castorf das alles dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering in einer Diskussion erklären. Das kann lustig werden.

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