Auszeichnung : Ameisensicht

Katharina Meldner erhält den Hannah-Höch-Preis. Gegen alle Trends hat die Berliner Künstlerin nach ihrem Studium bei Heinz Trökes an der Berliner HdK fast ausschließlich als Zeichnerin gearbeitet. Der mit 15 000 Euro dotierte Preis wird an Künstler aus der Hauptstadt für ihr Lebenswerk vergeben.

Simone Reber

Gehe hin zur Ameise, du Fauler! Betrachte ihre Wege und lerne Weisheit“, rät das Alte Testament. Demnach dürfte Katharina Meldner sehr weise sein, denn sie hat mehrere Sommer die Wege der Ameisen betrachtet. Auch das Kupferstichkabinett war nicht faul. Gerade konnte es die Unterstützung der Schering-Stiftung beim Ankauf von zeitgenössischen Arbeiten auf Papier gewinnen, die als „ewige“ Dauerleihgaben die Sammlung bereichern sollen. Nun richtet das Haus zum ersten Mal die Ausstellung für eine Hannah-Höch Preisträgerin aus. Der mit 15 000 Euro dotierte Preis wird an Berliner Künstler für ihr Lebenswerk vergeben. Gegen alle Trends hat Katharina Meldner nach ihrem Studium bei Heinz Trökes an der Berliner HdK fast ausschließlich als Zeichnerin gearbeitet.

Die Ausstellung präsentiert die Werkgruppen der 1943 geborenen Künstlerin wie Lebensabschnitte. Auf einem Parkplatz am Berliner Messegelände begann sie 1980 Ameisenpfade mit dem Stift nachzufahren. Auf ihrem Blatt legte sie Köder mit Zuckerwasser aus, verfolgte die Tiere, wie sie sich in Schleifen dem Futter nähern, Kolleginnen den Weg weisen und schnurstracks zurück zum Bau eilen. Wie Magnetfelder richten sich in den Zeichnungen gerade rote Linien zum Nesteingang. Das scheinbare Chaos folgt einer sozialen Ordnung. Sechs dieser Bilder gehören heute der Neuen Nationalgalerie. Wie die Kundschafterinnen der Ameisen betreibt auch Meldner Spurensuche, um individuelle Lebenswege in ein Ganzes einzufügen. Ihr Blick richtet sich mal von oben auf winzige Organismen, mal von unten ins Universum, lässt den Menschen zum Riesen werden oder zum Zwerg.

Am schönsten sind die Kreidezeichnungen

Am schönsten sind die Kreidezeichnungen, in denen dieser dramatische Perspektivwechsel nebeneinander zu erleben ist. Die Nahaufnahme einer menschlichen Hand wird relativiert durch die verschwommene Sicht auf Lichtjahre entfernte Planetensysteme. Bis dahin hat Katharina Meldner am Schwarz-Weiß festgehalten. Erst für die Auseinandersetzung mit dem Universum Kunst wechselt sie zur Farbe. Für die jüngste Serie „Spirits“ zieht sie die Konturen berühmter Gemälde nach und montiert die Silhouetten von Meisterwerken ineinander. Die Arbeiten von Van Gogh, Goya oder Max Ernst wirken in der Linie sinnentleert, die Landkarten der Imagination sind ihrer Schätze beraubt. Gerhard Richters „48 Portraits“ (1971/72) mixt Meldner mit den Umrissen von Magrittes Apfel oder Duchamps Pissoir. Dem Bild des Physikers James Chadwick, der das Neutron entdeckte, fügt sie Messerstiche von Lucio Fontana zu. So verspielt diese Blätter wirken, ihre Entschlüsselung erfordert Fleiß. Aber den haben wir schließlich bei der Betrachtung der Ameisen gelernt. Simone Reber

Kupferstichkabinett, Kulturforum bis 8. 2., Di-Fr 10-18, Sa-So 11-18 Uhr.

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