Auszeichnung : Henri-Nannen-Preis für Reich-Ranicki

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist mit dem Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk geehrt worden. In der Königsdisziplin "Beste Reportage" siegte Sabine Rückert mit einem Beitrag für das "Zeit Magazin Leben". Der Preis für die "Beste investigative Leistung" ging an ein Team von "Spiegel"-Journalisten.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Marcel Reich-Ranicki. -Foto: dpa

HamburgMit dem Henri-Nannen-Preis haben der Verlag Gruner und Jahr und sein Magazin "Stern" am Freitagabend in Hamburg herausragende Arbeiten im Printjournalismus gewürdigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hielt die Laudatio auf Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der im Schauspielhaus für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Prominentester Gast in der von "Tagesthemen"-Moderatorin Caren Miosga präsentierten Gala vor rund 1200 hochkarätigen Zuschauern war Kanzlerin Merkel. In ihrer Laudatio auf den Schriftsteller und Kritiker Reich-Ranicki lobte sie diesen als "Mann des Urteils". Sein Urteil habe "begeistert und beflügelt, bestürzt und empor gehoben", sagte sie. Aber das Lebenswerk des 87-Jährigen sei nicht allein die "Summe aus wortgewaltigen Lobreden und Verrissen", sondern Reich-Ranicki "lebt Kultur". Die Zeit sei reif, diese Ikone zu ehren.

Der Geehrte selbst bedankte sich mit einer launige Anekdote: Als er mal vor langer Zeit einen Abend mit Merkel verbracht habe, habe es ihn gestört, dass er "nicht zu Wort kam". Reich-Ranicki bekannte, dass er schon viele Reden über sich gehört habe, "aber keine hat das Wesen meiner Arbeit so in Worte gefasst wie diese heute". "Ja, meine Frau und ich haben dank der Literatur, dank der Poesie, dank der Musik überlebt", sagte der in Polen geborene und wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nazis verfolgte Reich-Ranicki. "Ich habe nie damit gerechnet, dass ich mal Literaturkritiker in Deutschland werde", sagte er und fügte hinzu: "Und ich glaube, Frau Merkel hat auch nicht damit gerechnet, dass sie Kanzlerin wird."

Auszeichnung für Reportage über Doppelmord

Unter dem Titel "Wie das Böse nach Tessin kam" hatte Reportagen-Gewinnerin Rückert über den Doppelmord eines 17-jährigen Gymnasiasten, der im mecklenburgischen Dorf Tessin ein Ehepaar aus der Nachbarschaft niederstach, geschrieben. Eine "beklemmende Rekonstruktion einer wahrlich gespenstischen Gewalttat", befand die Jury. Die Autorin sei "wie beim Zwiebelschälen" von der "äußeren Idylle gleichsam der inneren Wahrheit" nahegekommen. Rückert selbst, seit Jahren Gerichts- und Kriminalreporterin, bekannte: "Es war die erste Reportage in meinem Leben, die mich nicht hat schlafen lassen."

Ein "kriminelles Kartell" von Manipulateuren und Vertuschern entlarvte das Team von "Spiegel"-Journalisten: Die Journalisten wiesen nach, dass auch im Radrenn-Team der deutschen Telekom verbotene Doping-Mittel verwendet wurden. Die Telekom zog sich daraufhin aus dem Radsport zurück. Die Jury würdigte die Leistung der Journalisten Udo Ludwig, Matthias Geyer, Lothar Gorris und Detlef Hacke, trotz drohender Anzeigen-Stornierung und dem damit verbundenen massiven wirtschaftlichen Druck die Recherchen fortzusetzen.

Irakische Journalistin geehrt

Der Fotograf Lu Guang erhielt den Preis für seine in der Zeitschrift "Geo" erschienene Reportage "Der schwarze Riese" über die boomende Kohleregion Wuhai in China - "in berührenden wie bedrohlichen Bildern", urteilten die Juroren. Ebenfalls im Magazin "Geo" erschien der Beitrag "Kampf bis zum letzten Fisch" von Lars Abromeit, Katja Trippel und Torsten Hampel - Sieger in der Kategorie "Dokumentation". In der Kategorie "Herausragende humorvolle Berichterstattung" gewann Harald Martenstein mit seiner wöchentlichen Kolumne im "Zeit Magazin Leben".

Die irakische Journalistin Zainab Ahmed erhielt den Preis für ihre Verdienste um die Pressefreiheit. Stellvertretend für alle irakischen Journalisten des Institute for War and Peace Reporting (IWPR) nahm sie den Preis entgegen. Eigentlich seien irakische Journalisten darauf bedacht, nicht öffentlich aufzutreten, "weil uns das das Leben kosten kann", sagte sie. Mit der Auszeichnung würdigte die Jury "das mutige Engagement von Zainab Ahmed sowie ihrer irakischen Kollegen".

Kritik an Überwachung durch Geheimdienst

Für den zum vierten Mal verliehenen Preis wurden insgesamt 830 Arbeiten eingereicht, die in 181 deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften publiziert wurden. "Die große Zahl an Einsendungen ist ein Indiz dafür, dass auch in einer Zeit des dramatischen Wandels der Medienlandschaft, des Häppchen-Journalismus und der elektronischen Stakkato-Meldung hohe journalistische Qualität nicht verkümmert, ja vielleicht sogar als Reaktion von den Besten mehr gepflegt wird denn je", sagte G+J-Vorstandsvorsitzender Bernd Kundrun.

Zugleich müsse man wachsam sein "gegen eine schleichende Verschlechterung des journalistischen und medialen Umfelds", betonte der Vorstandsvorsitzende. Es sei völlig inakzeptabel, wenn im Namen sogenannter übergeordneter Interessen beflissene Fahnder und Geheimdienste zum Mittel der nachrichtlichen Observation greifen. Kundrun: "Der Verdacht liegt nahe, dass sie damit in Wahrheit kritische und lästige Berichterstattung behindern oder sogar verhindern wollen."

Die Auszeichnung soll an den "Stern"-Gründer Henri Nannen (1913-1996) erinnern. Neben dem Preisgeld erhalten die Gewinner die Bronzeskulptur "Henri". Der Jury gehören Journalisten, Autoren, Chefredakteure und Herausgeber an. (jam/dpa)

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