Kultur : Auszug der Weisen

Die Krise im Suhrkamp Verlag führt zum Rücktritt des Aufsichtsrats: Enzensberger, Habermas, Kluge, Muschg und Singer wollen nicht mehr mitmachen

Marius Meller

Der Rat der Alten hat gesprochen. Er hat beschlossen, sich aufzulösen. Spätestens ab dem 2. März 2004 wird es den ehrwürdigen Stiftungsrat der „Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung“ nicht mehr geben. Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Alexander Kluge, Adolf Muschg und Wolf Singer gingen gestern mit ihrem Entschluss an die Öffentlichkeit. Die Übernahme des Verlags durch Ulla Berkéwicz-Unseld, die Witwe des vor einem Jahr verstorbenen Suhrkamp-Chefs Siegfried Unseld, kulminierte letzte Woche in der Trennung von Günter Berg, dem noch von Unseld eingesetzten verlegerischen Geschäftsführer (Tagesspiegel vom 27.11.). Der Stiftungsrat will diese Politik nicht mehr mittragen. Es handelt sich um den geschlossenen Rücktritt eines Gremiums, das nach dem letzten Willen von Siegfried Unseld als eine Art Aufsichtsrat eingerichtet worden war. Obwohl die Sitzung des Stiftungsrates eigentlich erst gestern Nachmittag stattfinden sollte, konnte Hans Magnus Enzensberger schon gestern Mittag eine fünffach unterzeichnete Erklärung an die Presse geben. Diese Erklärung – das ist ein wichtiges Detail – ging nicht den üblichen Weg über die Presseabteilung des Suhrkamp Verlags, sondern direkt aus den Händen der Beiratsmitglieder an die Öffentlichkeit.

Nach Informationen des Tagesspiegels fand bereits vorgestern, am 2. Dezember abends, eine Telefonkonferenz der fünf Beiratsmitglieder statt, die sich bis spät in die Nacht hineinzog. Kenner vermuten, dass die fünf Beiräte Ulla Berkéwicz-Unseld sowie den Rechtsanwalt Heinrich Lübbert, die diesem „Aufsichtsrat“ ebenfalls angehören, nicht in ihre Beratungen mit einbeziehen wollten. Das wäre konsequent, weil es ja, wie es im Wortlaut der Erklärung (siehe nebenstehenden Kasten) diplomatisch heißt, „nicht um Personen, sondern um die Leitungsstruktur“ des Verlages geht – und Berkéwicz-Unseld hat ja durch ihre quasi Selbstermächtigung zur Leiterin der Geschäftsführung die Trennung und das Gleichgewicht der Führungsinstitutionen aufgehoben. Der von Siegfried Unseld bestimmte Status quo sah ursprünglich vor, dass die Mehrheitseignerin Berkéwicz-Unseld nur eine beratende Funktion als Vorsitzende des Stiftungsbeirats ausüben sollte. Rechtsanwalt Heinrich Lübbert sitzt als Testamentsvollstrecker im Stiftungsbeirat und auch in anderen Institutionen des Verlags. Dass der Stiftungsrat auch ihn nicht bei seinen Beratungen dabeihaben wollte, liegt auf der Hand, denn Lübbert, scheint nichts gegen die Auflösung des von Unseld eingesetzten Führungsmodells zu unternehmen.

Das lange Schweigen des Stiftungsrats zu den Ereignissen im Verlag wurde weithin kritisiert. Aber gewiss ging es seinen Mitgliedern nun nicht allein um die Wahrung ihrer Gesichter, wurden sie doch bei den entscheidenden Schritten Berkéwicz-Unselds – der Kompetenzbeschneidung von Günter Berg und seiner Entlassung – nicht um Rat gefragt. Es geht den alten Weggefährten von Siegfried Unseld um die Verantwortung für das, was ihnen und der Literaturwelt „Suhrkamp“ bedeutet. Es geht ihnen um die institutionelle Lösung der Führungsfrage, die das Patriarchat Unseld hätte ablösen sollen. Es ist nur schwer vorstellbar, dass Berkéwicz-Unseld einen neuen Beirat mit jüngeren, ihr gewogenen Autoren beruft.

Durch den Rücktritt des Stiftungsbeirats wird offensichtlich, dass es sich um die schwerste Krise des Suhrkamp Verlags seit dem „Lektorenaufstand“ von 1968 handelt. Damals verteidigten Habermas und Enzensberger ihren Verleger gegen das Phantasma von der Sozialisierung. Heute wollen sie durch ihren Rücktritt das verteidigen, was sie damals bewahren halfen.

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