Kultur : Authentische Orte: Wie wird das Denkmal zum Denkmal?

Jürgen Tietz

Und plötzlich war er weg, der letzte Wachturm am Checkpoint Charly. Durfte er einfach abgerissen werden? Er durfte. Unter Denkmalschutz stand er nämlich nicht; und was dieses Gütesiegels entbehrt, ist im Konfliktfall zum Untergang verdammt.

Das Verschwinden des Wachturms ist symptomatisch. Wer sich heute auf die Suche nach der Mauer begibt, findet denkmalgeschützte Teile nur noch an vier Orten der Stadt: an der East Side Gallery, entlang der Bernauer und der Niederkirchner Straße sowie auf dem Invalidenfriedhof. Wachtürme gibt es sogar nur noch zwei in Berlin: in der Kieler Straße und am Schlesischen Busch. Mit der DDR wurde auch ihr berühmtestes Bauwerk hinweggefegt.

Was macht ein gewöhnliches Gebäude zu einem schützenswerten Denkmal? Wie lauten die Kriterien, die manche Gebäude vor Abriss oder Veränderung schützen und andere nicht? Die Antwort findet sich im Denkmalschutzgesetz. Sie ist so einfach wie unbefriedigend: Sobald der Denkmalwert eines Hauses erkannt und es in der Denkmalliste veröffentlicht wurde, gilt es als Denkmal. Vier unterschiedliche Gattungen definiert das Gesetz: Bodendenkmäler, die bei einer archäologischen Grabung zu Tage treten; Denkmalbereiche, also Anlagen, die aus mehreren Häusern oder Gärten bestehen sowie einzelne Bau- oder Gartendenkmäler. Zudem regelt es auch formal, was ein Objekt zum Denkmal macht: Denkmäler sind geschichtlich, künstlerisch, wissenschaftlich oder städtebaulich bedeutende Anlagen, deren "Erhalt" - wie es im besten Amtsdeutsch heißt - im Interesse der Allgemeinheit liegt.

Was zunächst recht beliebig klingt, das konkretisiert sich beim genaueren Blick auf die Arbeit des Landesdenkmalamtes. Der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nachgeordnet, ist es für die Erfassung und den Schutz zuständig. Unterstützt wird es durch die unteren Denkmalschutzbehörden, die auf bezirklicher Ebene Denkmalpflege betreiben. An sie kann sich jeder Denkmalbesitzer mit Fragen und Wünschen wenden. Zusätzlich gibt es den unabhängigen Landesdenkmalrat, der den zuständigen Senator berät. Jede Unterschutzstellung eines Bauwerks bedarf einer handfesten, wissenschaftlich fundierten Begründung. Schließlich muss der Denkmalschutz gegenüber dem Eigentümer und der Öffentlichkeit begründet werden und juristisch hieb- und stichfest sein. Denn der Eigentümer kann gegen eine Unterschutzstellung klagen, ebenso gegen eine versagte Abbruch- oder Änderungsgenehmigung.

Was aber macht die rund 60 Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes kompetent, um über die Qualitäten eines Denkmals zu entscheiden? Das sind vor allem ihre wissenschaftlichen Fachkenntnisse. Denkmalpfleger besitzen in der Regel eine Ausbildung als Architekten oder als Kunsthistoriker und sind daher mit der lokalen, regionalen und internationalen Bau- und Architekturgeschichte vertraut. Zusatzausbildungen etwa in Form eines Aufbaustudienganges Denkmalpflege an der TU Berlin existieren erst vermehrt seit den neunziger Jahren.

Für die Entscheidungsfindung der Denkmalpflege sind subjektive Kategorien wie "Schönheit" oder "Hässlichkeit" nicht ausschlaggebend. Sie sind dem Wandel des Geschmacks unterworfen. Stattdessen sind prägnante Gestaltung, besondere Baukonstruktion, ungewöhnliche Materialwahl oder charakteristische Bedeutung für Stadtbild und Stadtgeschichte Aspekte, die zur Unterschutzstellung führen können. Gesucht wird nicht die architektonische Massenware, sondern das über den Durchschnitt herausragende Zeugnis einer Epoche. Das gilt auch dann, wenn ganze Straßenzüge oder Siedlungsanlagen als Denkmalbereiche eine unverwechselbare Qualität angenommen haben. Nicht umsonst nennt das Gesetz die geschichtliche Bedeutung eines Bauwerks als erstes Kriterium: Viele Baudenkmäler sind bedeutende Kunstwerke und herausragende Geschichtsorte in einem. Sie besitzen, was selbst dem besten Geschichtsbuch zwangsläufig fehlen muss: die Aura des authentischen Ortes.

Die Architektur ist wie kaum ein anderes Medium in der Lage, Geschichte in unserer alltäglichen Gegenwart lebendig werden zu lassen und Vergangenheit glaubwürdig zu vergegenwärtigen. Das gilt im Positiven wie im Negativen - für Schlösser und Kirchen wie für Bauten des "Dritten Reiches". Die Denkmalerfassung wird vollzogen durch "Inventarisation". Für jedes einzelne Objekt ist eine nachvollziehbare Begründung des Denkmalwertes nach fachlichen und gesetzlichen Kriterien zu erstellen. Nicht selten nimmt sie die Form eines ausführlichen wissenschaftlichen Gutachtens an. Zur Inventarisation gehört neben der Literatur- und Archivrecherche die Dokumentation der Bau- und Nutzungsgeschichte des Gebäudes, die Sichtung seiner Bauakten und gegebenenfalls der Vergleich mit ähnlichen Werken der Epoche. Je älter ein Denkmal, desto einfacher ist es meist, seine Denkmalwürdigkeit auch gegenüber der Öffentlichkeit zu vermitteln. Als eine Art Faustregel gilt, dass frühestens der zeitliche Abstand von einer Generation, also knapp dreißig Jahren, ein unbefangenes Urteil erlaubt. In Zeiten des Umbruchs kann diese Zeitspanne zu lang sein, wie das nahezu vollständige Verschwinden der Berliner Mauer aus dem Stadtbild bezeugt. Das neue Berliner Denkmalschutzgesetz trat 1995 in Kraft. Seitdem stehen 8000 Denkmalpositionen mit rund 15 000 Einzeladressen unter Schutz und sind in der Denkmalliste eingetragen. Aber eine Musealisierung der Stadt droht deshalb noch lange nicht. In Berlin sind lediglich fünf Prozent des Gebäudebestandes geschützt. Welche Gebäude unter Schutz stehen, kann jedermann in der als Amtsblatt veröffentlichten Denkmalliste nachlesen. Noch einfacher ist es, die Liste von der homepage des Landesdenkmalamtes herunterzuladen.

Gerade in den letzten Jahren sind viele Baudenkmäler aus ihrer ursprünglichen Nutzung herausgefallen, die wichtige Zeugnisse der Geistes-, Kultur- oder Wirtschaftsgeschichte darstellen. Doch ohne neue Nutzung kann auf Dauer selbst das bedeutendste Denkmal nicht erhalten werden. Die praktische Denkmalpflege, neben der Inventarisation das zweite Tätigkeitsfeld des Landesdenkmalamtes, muss daher als "Anwalt des Denkmals" dessen "Interessen" vertreten. Doch der Denkmalschutz ist lediglich eines unter vielen Argumenten bei der Entwicklung der Stadt. Und die Denkmalpflege selbst ist in den letzten Jahren einem deutlichen Wandel unterworfen. Denkmalpflegern werden nicht bloß Fachkenntnisse, sondern zunehmend auch Managerqualitäten abverlangt. Sie müssen frühzeitig Ideen für leerstandsbedrohte Immobilien entwickeln und gemeinsam mit Eigentümern oder Interessenten neue Wege zu einer denkmalgerechten Umnutzung finden. Gerade auf dem Gebiet der Umnutzung von Industriedenkmälern hat die Berliner Denkmalpflege zuletzt manche Erfolge erzielt, wie das Beispiel der Umspannwerke der "Bewag" zeigt.

Um die Anliegen und Kriterien der Denkmalpflege einem breiten Publikum nahe zu bringen, sind Veranstaltungen wie der alljährlich bestens frequentierte "Tag des offenen Denkmals" unverzichtbar. Sie schaffen die notwendige Identifikation mit den Denkmälern der Stadt und machen deutlich, dass Denkmalpflege keine Geheimwissenschaft ist. Sie ist eine öffentliche Angelegenheit. Und sie lebt vom Engagement des einzelnen Bürgers.

Einen virtuellen Rundgang zu Berliner Denkmälern, Informationen zu den Aufgaben des Landesdenkmalamtes sowie die Berliner Denkmalliste zum herunterladen bietet die Homepage von SenStadtonline unter www.sensut.berlin.de/sensut/nachgeordnet/landesdenkmalamt/index.shtml Einen Leitfaden durch das Denkmalschutzrecht bietet der Band von Dieter Martin und Karin Schmidt "Denkmalschutzrecht in Berlin" (Kulturbuchverlag, 291 S., 45 DM). Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz hat ein "Kursbuch Denkmalschutz" mit grundsätzlichen Informationen zum Denkmalschutz veröffentlicht sowie eine Textsammlung zu Denkmalschutz und Denkmalpflege (Band 52) beziehungsweise eine Gesamtdarstellung aller Denkmalschutzgesetze der Bundesrepublik (Band 54). Sie sind über das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz kostenlos zu beziehen (Graurheindorfer Straße 198, 53117 Bonn). Einen Überblick über die Schriftenreihe des Nationalkomitees und zahlreiche Denkmalpflege-links bietet die Internetadresse www.nationalkomitee.de , Informationen über die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik: www.denkmalpflege-forum.de .

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