Autobiografie : Ich tue etwas, ich schaue zu

"Als die Bücher noch geholfen haben": Friedrich Christian Delius erinnert sich in autobiografischen Skizzen an seine frühen Jahre als Lektor und Autor.

Hannes Schwenger
Vor dem Berliner Amerikahaus. Demo gegen den Vietnamkrieg (1966). Foto: p-a/akg-images
Vor dem Berliner Amerikahaus. Demo gegen den Vietnamkrieg (1966). Foto: p-a/akg-imagesFoto: picture alliance / akg-images

Acht wichtige Jahre seines Lebens war Friedrich Christian Delius als Lektor für Wagenbach und Rotbuch tätig. Sie waren offenbar so wichtig, dass ihre Erfahrungen fast ein Drittel seiner (auto-) biografischen Skizzen „Als die Bücher noch geholfen haben“ füllen. Welche Bücher meint er da? Die eigenen – vor allem „Unsere Siemens Welt“ (Wagenbach 1972) und „Ein Bankier auf der Flucht“ (Rotbuch 1975) – haben ihm jahrelange Prozesse eingetragen, deren Kosten er ohne fremde Hilfe nicht hätte tragen können. Und wie hilfreich manche Bücher der beiden Verlage – und für wen? – letztlich waren, hat Delius damals schon vor seinen Kollegen im Verlagskollektiv bezweifelt.

Wir dürfen jedenfalls froh sein, dass die Kommune 1 ihren Pudding für das vermeintliche Humphrey-Attentat nicht nach den Rezepten der RAF und deren Handbuch „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“ (Wagenbach) angerührt hat. Dass sich Klaus Wagenbach, von dem er sich später mit dem Rotbuch-Verlag trennte, „bei seinem politischen Flirt mit Ulrike Meinhof mehr auf die RAF einließ, als für den Verlag und das Kollektiv gut war“, beschreibt Delius eher nachsichtig als sein eigenes „großes Pech“, bei dessen Bewältigung ihm – also doch! – die Bücher, die er selbst betreute, geholfen hätten. Das politische Lektorat war „nicht mein Ressort, meines waren die Quarthefte. Ich glaubte mich geschützt im Freiraum Literatur.“

Dass und warum daraus kein Elfenbeinturm wurde, hat er in seiner Büchnerpreisrede, die den Abschluss der Skizzen bildet, mit einem Rückgriff auf seinen Roman „Amerikahaus“ beschrieben: „Einige Studenten hatten sich wegen des Krieges der USA in Vietnam – für uns waren die südvietnamesischen Bauern was für Büchner die oberhessischen waren – niedergelassen und wurden von der Polizei weggeprügelt, andere warfen ein paar Eier auf das Haus... Als ich, der vorher mitdemonstriert hatte und nun vor weiteren Schritten zurückschreckte, stehenblieb und durch Aktionismus alles verraten sah, da kam mir noch, ehe schlechtes Gewissen sich breitmachen konnte, der befreiende Gedanke: Hier stehst du richtig, einer muss beobachten, einer muss das vielleicht sogar aufschreiben irgendwann und wer, wenn nicht du, der Prügeleien meidet, Gefahren ausweicht, kein Blut sehen kann.“ Auf den Vorwurf, sich herauszuhalten, habe er für sich die Antwort gefunden: „Doch, ich tue etwas, ich schaue zu, ich schaue nicht weg.“

Er wolle nicht behaupten, an diesem 5. Februar 1968 an Georg Büchner gedacht zu haben, aber wenn er je über Büchner schreiben sollte, dann über „das Verlieren politischer Illusionen, das die ungeheuren poetischen Energien freisetzt“. So wird man F.C. Delius, nicht Ulrike Meinhof.

Mag sein, dass ihm Büchner dabei geholfen hat, aber seine biografischen Skizzen erzählen als solche mehr von mitlebenden Kollegen und ihren Büchern, denen er öfter selbst ins Leben geholfen hat: Peter Schneiders „Lenz“, Thomas Braschs „Vor den Vätern sterben die Söhne“, Heiner Müllers Werkausgabe. Ihren Erfolg rechnet er sich nicht (nur) persönlich zu, sondern nimmt ihn sogar als Beweis, „dass die von Klaus Wagenbach bis heute verteufelte Mitbestimmung des Kollektivs bei Lektoratsentscheidungen äußerst produktiv gewesen ist“. Sie habe weder namhafte Autoren etablierter Verlage in der Bundesrepublik noch kollektivgeschädigte Dissidenten aus Osteuropa abgehalten, beim Rotbuch Verlag zu publizieren. Für den Lektor Delius „zählt am meisten die schöne Pointe, dass der Verlag genau dort am stärksten wurde, wo mir 1973 von Wagenbach totale Unfähigkeit bescheinigt worden war: bei der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.“ Die Autorenliste, die er zum Beweis anführt, reicht von Kurt Bartsch bis Feridun Zaimoglu und weist sogar eine Nobelpreisträgerin auf: Herta Müller.

Der Erfolg erlaubt ihm, auch Klaus Wagenbach zu bescheinigen, er habe nach der Sezession des Rotbuch Verlags und einer zweiten Verlagskrise schließlich „zu seinen eigentlichen Stärken zurückfinden und ein bedeutendes Verlagshaus ausbauen“ können. Fast möchte er ihm sogar dankbar sein: „Wahrscheinlich hätte ich ohne die Erfahrung der verlagsinternen RAF-Repression nicht genügend Zorn, Gelassenheit und Energie gehabt, gleich nach meiner Verlagszeit die Romane ,Ein Held der Inneren Sicherheit’ (1981), ,Mogadischu Fensterplatz’ (1987) und ,Himmelfahrt eines Staatsfeindes’ (1992) zu schreiben.“

Tatsächlich hat ihn die Energie, noch mehr über sein späteres Werk mitzuteilen, bald wieder verlassen. Die vorliegenden Skizzen beschränken sich auf seine Anfänge als lyrischer Autor und jüngster Teilnehmer der Gruppe 47, in der Studentenbewegung und als Wahlhelfer im Wahlkontor deutscher Schriftsteller – als die Bücher der SPD noch geholfen haben. Den breitesten Raum nehmen die Verlagsjahre und Autorenfreundschaften im geteilten Berlin ein.

Ausgespart bleibt seine Rolle im Verband deutscher Schriftsteller, wo wir gemeinsam den Hilfsfonds für Schriftsteller im Exil ins Leben riefen, dem er im PEN-Club eine neue Heimat verschaffte, als sich der Schriftstellerverband entzweite. Auch in diesem Streit ist er nie laut geworden, getreu seiner Maxime als Fußballspieler, den seine Freunde doppelsinnig FC riefen: „Das Stürmen überlass ich anderen. Die wussten, dass ich auch im richtigen Leben Verteidiger war, als Autor in der Abwehr gegen Pathos und Phrase und Imponiergeschwätz.“ Also nie als Linksaußen.

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