• Autobiographie des Star-Comedian Trevor Noah: Zwischen Apartheid und Selbstverwirklichung

Autobiographie des Star-Comedian Trevor Noah : Zwischen Apartheid und Selbstverwirklichung

Der Südafrikaner und Daily Show-Anchor Trevor Noah wird gefeiert für seine hintersinnigen und wortwitzigen Politik-Analysen. Jetzt hat er seine Autobiographie vorgelegt.

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Stellt die Dinge gern auf den Kopf. Trevor Noah, 33, begeistert seit 2015 als Anchor der "Daily Show" mit seinen hintersinnigen Polit-Analysen.
Stellt die Dinge gern auf den Kopf. Trevor Noah, 33, begeistert seit 2015 als Anchor der "Daily Show" mit seinen hintersinnigen...Foto: dpa

Als Afrikaner, sagt Trevor Noah, fühle er sich mit dem neuen Präsidenten in den USA ganz wie zu Hause. Der Stil eines lautstark den eigenen Reichtum und Verstand preisenden Staatschefs weckt vertraute Erinnerungen an Mugabe, Idi Amin und Konsorten. Auf den ersten „African-American President“, erklärte Noah, folge mit Trump der erste „African President of America“. Viereinhalb Millionen Mal wurde das Video mit dieser „Daily Show“ angesehen.

Trevor Noah, im Februar 1984 in Johannesburg, Südafrika geboren, ist als Nachfolger der Late-Night-Legende Jon Stewart Gastgeber der „Daily Show“ in den USA ein Star – und als Comedian auf Bühnen aller Kontinente. Mit souveräner Präsenz, mit Sprachfreude und Wortwitz präsentiert Noah politische Analysen, die lange Kommentare ersetzen können. Er jongliert mit der Welt. Glaubt man seiner Lebenserzählung, tat er das teils schon als Kind. Er stellte Dinge an und auf den Kopf, fragte, beobachtete und machte sich gern lustig über die absurden Verhältnisse zu Hause wie draußen.

Bis zur Befreiung von Nelson Mandela aus der Haft, da war Noah knapp sechs, wuchs er in der Apartheid auf, die seine Eltern, eine schwarze Mutter aus der Bevölkerungsgruppe der Xhosa, und ein weißer Schweizer, den er nicht „daddy“ nennen durfte, in privater Subversion unterlaufen hatten. Dass sie ein Paar wurden, war gegen das Gesetz, weshalb der Originaltitel des Buches „Born a crime“ lautet.

Noahs Erzählung liest sich rasant, und sie erlangt aktuelle Relevanz durch die Mittlerrolle des Erzählenden im Zeitalter des wiedererstarkenden Rassismus. Wie ein „Chamäleon“ wechselt der Heranwachsende, der nicht schwarz ist noch weiß, je nach Situation Farben, Codes, Perspektiven und ein halbes Dutzend Sprachen. Immer wacher weiß er sich als Trickster, einer der ausspricht, was andere nicht sagen oder wissen wollen.

Im Haus der Großmutter war er der weiße Junge, auf der Straße ein Farbiger

Die frühen, naiven Jahre werden bestimmt durch die gläubige Mutter. Ihr Xhosa-Appell an die Kinder lautet: „sun´qhela!“, „keine Widerrede!“ Abwechselnd besuchte sie die „weiße Kirche“ mit den spannenden Bibelgeschichten und die „schwarze Kirche“ mit den Dämonen und endlosen Gottesdiensten – die ersten Shows, die der Sohn wahrnahm. Außer in der Schule und in der Kirche musste das „Mischlingskind“ meist im Haus bleiben, wo beim Lesen Fantasiewelten entstanden. Ideen hatte der kleine Trevor dauernd. Einmal schlug er der Mutter vor, sie solle ihren geliebten Jesus doch besser zu sich einladen, als sich den gefahrvollen Weg in seine Kirche zu machen.

Im Ton eines gut gelaunten, aber kritischen Fremdenführers reist Noah durch die Geschichte seiner Familie während der Apartheid und in den Jahren danach, als Anomie, Lynchjustiz und politische Machtkämpfe herrschten. Im Haus der Großmutter in Soweto war Trevor der exotische „weiße Junge“, auf der Straße ein „Farbiger“, eine Kategorie für sich. Aus diesem hybriden Zustand bezog der Junge jeweils Privilegien und war je nach Lage mal weißer, mal schwärzer. Prägend sind, indirekt, auch die Erfahrungen der Mutter an den Rändern der libertären Parallelgesellschaft aus Europäern und aufgeklärten Südafrikanern, die im Viertel Hillbrow lebten, dem „Greenwich Village von Johannesburg.“ Der Vater wohnte separat, auf der Straße gingen die Eltern getrennt, privat allerdings waren sie „farbenblind“, wie Noah schreibt. Ein Stipendium des Pharmakonzerns, für den die Mutter als Sekretärin arbeitete, ermöglicht Noah den Besuch einer katholischen Privatschule für Kinder aus aller Welt, einem Ort, wo Hautfarbe keine Rolle spielte. In zweien der Sätze zu dieser Erfahrung steckt in nuce die Utopie des Komödianten, der sich dem Ernst der Welt entgegenstellt: „Niemand fragte, wer ich war. Ich war Trevor.“ Der junge Mann, der das schreibt, ist lebender Beleg dafür, dass Heranwachsende ganz genau das zum Gedeihen brauchen.

Trevor Noah: Farbenblind. Übersetzung aus dem Englischen von Heike Schlatterer. Blessing Verlag, München, 2017. Gebunden, 336 Seiten, 19,99 €.

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