AUTOGRAMMJÄGER : Am Rand der Gesellschaft

Stars und Kameralächeln - das ist Berlinale. Doch neben dem roten Teppich sieht es anders aus.

Elena Senft
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Lauern auf der Leiter. Autogrammjäger machen sich mit dieser Methode nicht unbedingt beliebt bei ihren Mitstreitern. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Einmal mussten die Hostessen direkt von der ersten Reihe des roten Teppichs aus ein riesiges Plakat einer großen Fernsehzeitschrift heben. Direkt vor dem Berlinale-Palast. Da wurden sie beschimpft, von hinten gepackt und zu Boden gedrückt. Denn die Autogrammjäger hinter ihnen konnten nichts mehr sehen. Kollateralschäden im Leben einer Hostess. Und deutlich weniger schlimm als das Hauptproblem: klirrende Kälte, die spätestens nach einer Viertelstunde ihren Weg durch die weißen Winterjacken und die Kunstpelzmützen gefunden hat. Woody Harrelson war schon da und auch Keanu Reeves. Sie verteilen Keanu-Autogrammkarten mit dem Logo der Zeitschrift. Der Abend aber ist noch lang. Er dauert mindestens bis 24 Uhr.

Wer denkt, nur Menschen, die dafür Geld bekommen, würden hier stehen, irrt. Die meisten wollen Autogramme. Der rote Teppich, die Seite, auf der gedrängelt, geschrien und gestritten wird, besteht aus Cliquen, die sich bekämpfen oder solidarisieren. Man kennt sich. Und das ist auch der Grund, warum Andreas, 29, genervt „Oh nein!“ ruft, als zwei hektische Männer mit silbernen Rollkoffern an ihm vorbeiziehen.

Andreas hat sich einen Platz in der ersten Reihe der Absperrung erkämpft. Er ist drei Stunden früher da, als Keanu Reeves da sein wird. Das muss so sein, denn wer später kommt, hat keine Chance mehr. Außer man gehört zu den Menschen, die so sind wie die mit den Rollkoffern. „Allerunterste Schublade“, sagt Andreas und schüttelt den Kopf. Die Menschen mit den Koffern werden von den anderen Autogrammjägern „die Ebays“ genannt. Der Name ist Programm. Menschen, die handsignierte Fotos oder CDs bei Ebay verkaufen wollen. „Die Ebays“ kommen mit Koffern mit zu signierendem Material und dulden keine Nebenbuhler. Solveig hat ihre Erfahrungen mit den „Ebays“. Denn sie gehört zu den „Leitern“, und die leben am roten Teppich gefährlich. Die „Leitern“ haben Leitern dabei, um sich einen Standortvorteil zu verschaffen. Und wenn Solveig nach ihrer Arbeit in einem Biotechnologieunternehmen die Gemeinschaftsleiter aus dem Büro wuchtet, wissen die Kollegen, dass ihr wieder eine harte Nacht bevorsteht. Von einer ihrer letzten Touren am Teppich kam sie mit einem faustgroßen blauen Fleck zurück. Der Mob der „Ebays“ hat sie von der Leiter gestoßen. Wettbewerbsverzerrung sei ihre Größe. Auch wenn es ein harter Kampf ist: Einzelkämpfer darf man hier nicht sein. Denn wer mal aufs Klo muss und niemanden hat, der seinen Platz verteidigt, dem kann es passieren, dass er wiederkommt, und die Leiter liegt zerstört am Boden. Alles schon passiert.

Andreas steht neben den Hostessen. Er hat seine Hand fest um die Gitterstäbe geklammert. Wer die Hand am Gitter behält, hat gute Chancen. Die Mittel der Gegner allerdings, die eigene Hand ans Gitter zu bekommen, werden härter. Vor einigen Tagen, sagt Andreas, wurde er gebissen. Aber die Mühe lohnt sich. Jedes Jahr wieder. Andreas hat ein Autogramm von Kate Winslet. Er hat sie lächeln sehen, von nahem. Und Jürgen Vogel hat er. Und Heike Makatsch. Ein kurzer Moment, für ihn reserviert. Ein Augenblick, besiegelt mit Unterschrift.

Zwei von den Hostessen mit den Fellmützen hüpfen, um sich aufzuwärmen. Ihre Erkenntnis von den 59. Filmfestspielen: Die Stars sind kleiner, als sie im Fernsehen wirken. Zwei Teenager-Mädchen drängeln hinter Andreas. Das ist doof, denn viele Stars geben eher Mädchen Autogramme als Männern. Und wenn es heute nicht klappt? „Ich bin wenigstens dabei gewesen. Mittendrin“, sagt Andreas. Und dann noch: „Ein bisschen Sonne wäre jetzt schön.“

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