Kultur : Automobilskulpturen: Stille Kunstpost

Matthias Mühling

Hat die Reinigungsfrau seinerzeit die Badewanne gesäubert oder das Kunstwerk zerstört? Der Umstand, dass ein Kunstwerk nicht erkannt wird, hat die Begegnung eines Putzlappens mit einer Installation von Joseph Beuys zu einem ikonoklastischen Inferno werden lassen. Ob es sich bei einem Gegenstand um Kunst handelt oder nicht, kann unter vielen Umständen eine folgenreiche Entscheidung sein. Tobias Rehberger hat mit seiner jüngsten Installation "Kao Ka Moo" und "Yam Koon Chieng" (Preis auf Anfrage) Automobile nach seinen Zeichnungen in Thailand bauen lassen, deren "Kunstwerk-Status" vom Bundesdeutschen Zoll bei der Einfuhr nicht anerkannt wurde. Aus der Perspektive des Zolls erhielten die Artefakte das Prädikat Fahrzeug: Was vier Räder hat, ein Lenkrad besitzt und fährt, ist nach deutschem Recht eben ein Auto - kein Kunstwerk. Für die Galeristen steht fest, was in ihren Ausstellungsräumen als skulpturales Projekt eines Künstlers verkauft wird, ist Kunst - was sonst? In erster Instanz hat das Recht über die Kunst gesiegt: Die Galerie hatte die Deklarierung als Fahrzeuge hinzunehmen, und auch die weitaus höheren Einfuhrsteuern zu zahlen.

Die Entsteheungsgeschichte der Skulpturen unterscheidet sich allerdings deutlich von der Automobilproduktion: Rehberger zeichnete aus der Erinnerung zwei Inkunabeln der Automobilgeschichte, den Porsche 911 Carrera und den McLaren F1. Allein diese Vorgaben dienten zwei thailändischen Ingenieurteams als Konstruktionsangaben für zwei funktionstüchtige Fahrzeuge. Nicht nur die Übersetzungsleistung der Konstrukteure vom zwei- ins Dreidimensionale funktioniert dabei wie ein Filter. Bereits der Künstler zeichnete allein aus der Erinnerung und interpretiert mit seiner Schöpfung das Original. Letzter Filter ist der vergleichende Blick des Betrachters, der das Produkt mit seinem eigenen Bild von einem Porsche 911 und einem F1 abgleicht. Das Automobil wird zum Substitut des Substituts. Der Übersetzungsprozess ist dabei durch eine Kette von Abweichungen charakterisiert, die durch Erinnerung und Interpretation gefiltert wird, trotzdem sind die Resultate durchaus wiedererkennbar.

Das Vergleichen von Original und Kopie ist ein alltäglicher Vorgang, der auch zu den Basisoperationen der Kunstbetrachtung zählt. Entwurf und Gestaltung unserer Lebenswelt sind heute weitläufig durch Kopiertes und Simultatives bestimmt. Die begriffliche Ausdifferenzierung von Fälschung, Imitation, Remake, Replik und Zitat weist auf unterschiedliche Funktionsbestimmungen im Umgang mit dem vermeintlichen Original hin. Die Geschichte der Kunst kann als eine Geschichte der Aneignung des Originals gelesen werden. Kunst wiederholt ihre historischen Vorgänger und interpretiert sie damit immer wieder neu. Der Status des Originals wird bei Rehberger folgerichtig radikal in Frage gestellt. Kreativität wird zu einer Zweitverwertung von vorgefundenem kulturellen Material, Autor und ingeniöse Schöpfung zu einer zweifelhaften Konstellation im Verständnis des zeitgenössischen Künstlers.

Rehbergers Automobile befragen die Kunst nach ihren eigenen Grenzen: Wodurch wird ein alltägliches Objekt zur Kunst? Marcel Duchamps "Flaschentrockner" oder Andy Warhols "Brillo Boxes" erhielten ihre Bestimmung als Kunstwerk durch die einfache Überführung in den Kontext eines Galerie- oder Ausstellungsraums. Rehbergers Automobile weisen aber auch über die Definition des Ready Made hinaus, da der Künstler die Ingenieur-Kunst als ausführendes Organ zwischen Idee und Werk geschaltet hat. Das Verhältnis von Künstler und Auftraggeber wird in sein Gegenteil verkehrt. Rehberger zeigt, dass die Kunst die Möglichkeit besitzt, eine Form anzunehmen, die beansprucht, Kunstwerk und Selbstbeschreibung zugleich zu sein. Die durch den Zoll als Fahrzeuge deklarierten Objekte werden, kaum dass sie in der Galerie angekommen sind, wundersam verwandelt: Aus Fahrzeugen werden Kunstwerke, aus Wasser Wein. Besucher und Kritik machen sich den Vorfall zu eigen und fahren theoretisches Geschütz auf, um die Vehikel in den Diskurs der Kunst zurückzuholen. Keine Frage, Tobias Rehberger ist Künstler, seine Produkte sind Kunst. Dieser Artikel erscheint nicht im Mitteilungsblatt der Zollinteressierten, sondern in der Rubrik Kunst & Markt. In zweiter Instanz hat die Kunst gewonnen.

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