Kultur : Autonom in Andalusien

Irrlichternd schön: Nina Jäckles Roman „Sevilla“

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Sie sei per se recht adjektivlos auf die Welt gekommen, hat die junge Schriftstellerin Nina Jäckle einmal über sich und ihren Stil gesagt. Eine verblüffende Aussage, so verblüffend wie ihr neues Buch „Sevilla“. In ihrem an der Oberfläche so stillen, fast statischen Roman – eigentlich eine Erzählung – findet sich kein Wort zu viel. Dafür gibt es zwei unheimliche Todesfälle. All das erfährt der Leser aus der Perspektive einer namenlosen, zu Anfang recht einsamen Frau.

„Die Deutsche“ sucht in der sonnegleißenden, für sie fremden andalusischen Kapitale Sevilla Zuflucht. Sie hat eine große Geldsumme bei sich, die aus einem Überfall in Deutschland stammt. Ihr Komplize und Freund hat sie vorausgeschickt und will nachkommen. Doch er kommt und kommt einfach nicht.

An diesem Punkt tritt die eigentliche Heldin dieses Kammerspiels auf den Plan: die spanische Sprache. Es ist faszinierend, wie Einsprengsel wie „el potro“ oder „la fulana“ das Bewusstsein der Ich-Erzählerin infiltrieren. Vom Cover blickt eine Kuh mit extralangen Hörnern: Dieses stolze schwarze Tier schenkte jenem Stier das Leben, der Spaniens berühmtesten Torero tötete. Als das geschah, wurde die Kuh selbst geköpft, ihr Schädel ziert nun eine Wirtshauswand. Beinahe in Echtzeit kann man miterleben, wie die Ich-Erzählerin einen Lebensentwurf nach dem anderen erfolgreich ausprobiert. Von geglückter Autonomie lässt sich in ihrem Fall sprechen, die viel Aufregung mit sich bringt. Denn wie im Film noir treten Mitwisser auf den Plan, darunter ein Nachbar und die Hundebesitzerin Mercedes, die die Freude über das erbeutete Geld beeinträchtigt.

Je weiter sich die Ich-Erzählerin von ihrer Muttersprache entfernt, desto gleichgültiger wird sie auch. Dadurch, dass Jäckle konsequent auf die direkte Rede verzichtet, muss sich der Leser völlig auf die Eindrücke der Frau verlassen – ohne Gewähr. Irritierend wie die gesamte Erzählung ist auch ihr Schluss, auf den sie unheilvoll zustrebt: „Jeder von uns ist das, was er vorgibt zu sein, einem plötzlichen Einfall, einem Zufall, einem Irrlicht folgend.“ Das erinnert an den verloren dahintreibenden Helden aus Louis Malles Film „Das Irrlicht“. Nina Jäckle hat einen gleißend hellen Film noir in Szene gesetzt, dessen Spannung sehr lange nachwirkt. Katrin Hillgruber

Nina Jäckle:

Sevilla. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2010. 142 Seiten, 18 €.

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