Kultur : Autonome Republiken

Steffen Richter

Weihnachten hin oder her, im Lesebetrieb ist von geruhsamer Feiertagsstimmung noch nichts zu spüren. Einige Veranstalter präsentieren sich zum Jahresende in Hochform, zum Beispiel das Literarische Colloquium (LCB).

Hier geht in dieser Woche eine große Reihe von Poetik-Vorträgen zu Ende. Zunächst kommt am 14.12. mit Marcel Beyer einer der feinsinnigsten Erzähler der Gegenwartsliteratur an den Wannsee (20 Uhr, Am Sandwerder 5, Zehlendorf). Beyer stellt seinen Vortrag unter den Titel „Filme der Frühzeit“. Zwei seiner wichtigsten Bücher verhandeln die medialen Bedingungen unserer Sinneswahrnehmung: das Hören, das in „Flughunde“ (1995) eine gewichtige Rolle spielt, und das Sehen in „Spione“ (2000). Zugleich erzählt Beyer spannende Geschichten über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs (lange vor Bernd Eichingers „Untergang“) oder einen in der „Legion Condor“ verschollenen Großvater. Und zusätzlich gibt er klug zu verstehen, dass Schreiben über Vergangenes immer auch Schreiben über schon Geschriebenes ist.

Der Abschluss der Reihe ist Katja Lange-Müller am 19. 12. vorbehalten (20 Uhr). Lange-Müller, oder richtiger: die „unabhängige autonome Republik Katja Lange-Müller“, steht in erster Linie für sich selbst. In zweiter aber für höchste Sinnlichkeit bei maximaler sprachlicher Konzentration, zuletzt in „Die Enten, die Frauen und die Wahrheit“. Da Lange-Müller weiß, dass es zu viel gute Literatur gibt und der sterbliche Leser von einem Schriftsteller „nicht länger beschäftigt werden darf als unbedingt nötig“, ist sie zur Verfechterin ökonomischer Texte geworden: der kurzen Form der Erzählung. Dieser Hang zur Ökonomie könnte möglicherweise auch ihren Vortragstitel erklären: „Mit Links oder das Problem als Katalysator“.

Durch prägnante Form zeichnet sich natürlich vor allem Lyrik aus. Beim traditionellen Schriftstellertreffen Tunnel über der Spree im LCB stehen Gedichte im Mittelpunkt. Höhepunkt ist eine Lesung am 16.12. (20 Uhr) mit u. a. Elke Erb, Nico Bleutge, Ulrike Draesner, Jan Wagner und Kathrin Schmidt . Im Literaturhaus (Fasanenstr. 23, Charlottenburg) geht es am Wochenende (17. und 18. 12., 20 Uhr) um die Gedichtbände des Jahres. Auch hier ist mit Thomas Kunst, Harald Hartung, Bert Papenfuß, Ursula Krechel u. a. eine poetische Großmacht versammelt.

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