Autor Gerhard Zwerenz ist tot : Der unermüdliche Querkopf

Er hatte viele Rollen: Gerhard Zwerenz war Kupferschmied, Schriftsteller, Marxist und Bundestagsabgeordneter. Nun starb er mit 90 Jahren.

Porträtaufnahme von Gerhard Zwerenz.
Unermüdlicher Querkopf: Gerhard Zwerenz.Foto: Imago

Er arbeitete unermüdlich bis ins hohe Alter. Mehr als 100 Bücher konnte Gerhard Zwerenz vorlegen - von Romanen über Krimis und Kinderbücher bis zu erotisch, ja pornographischen Texten. Seit acht Jahren widmete sich der preisgekrönte Schriftsteller auch seiner politischen Biografie, die er im Netz verfasste. Doch der auf zuletzt 3500 Seiten angewachsene Webblog-Roman geriet nach einem schweren Sturz Zwerenz' Anfang des Jahres ins Stocken. Vollendet wird er nun nicht mehr. Zwerenz starb am heutigen Montag nach langer Krankheit.

Erst vor wenigen Wochen hatte der Autor und frühere Bundestagsabgeordnete seinen 90. Geburtstag gefeiert. Wie es ihm gesundheitlich gehe, wurde er anlässlich seines Jubiläums am 3. Juni gefragt: „Wenn es mir besser ginge, würde ich vielleicht noch religiös“, sagte er, immer mit diesem Fünkchen Ironie, für das er bekannt war. Zwerenz war ein Querkopf, gehörte in den 1970er Jahren zu den bekanntesten Autoren der westdeutschen Linken, er schrieb für „Konkret“, „Twen“ und „Pardon“ und drehte so manche Volte.

Für die PDS saß Zwerenz im Bundestag

1925 im sächsischen Gablenz als Sohn eines Ziegeleiarbeiters und einer Textilarbeiterin geboren, machte er nach der Volksschule eine Lehre als Kupferschmied. 1942 meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht. Zwei Jahre später desertierte der junge Mann. In der DDR konnte der auf seine proletarische Herkunft stets stolze Zwerenz von 1952 bis 1957 mit Sonderreifeprüfung beim berühmten jüdisch-marxistischen Philosophen Ernst Bloch in Leipzig studieren

Zwerenz ging zum Stalinismus auf Distanz und wurde 1957 aus der SED ausgeschlossen. Er ging in den Westen, um sich Jahrzehnte später nach der Wende wieder der alten Heimat zuzuwenden. Für die SED-Nachfolgepartei PDS saß Zwerenz dann von 1994 bis 1998 im Bundestag - und beklagte das „Ausbluten des Ostens“. Seinen Frust als Abgeordneter verarbeitete er in „Krieg im Glashaus oder der Bundestag als Windmühle“.

Mit seiner Frau Ingrid, die selbst als Schriftstellerin arbeitete und oberste Lektorin ihres Manns war, lebte er im Taunus. Für seine Werke erhielt Zwerenz mehrere Auszeichnungen, so etwa den Ernst-Reuter-Preis (1974), den Carl-von-Ossietzky-Preis (1986) oder im Jahr 1991 den Alternativen Georg-Büchner-Preis.

Im Netz arbeitete Zwerenz am "Opus magnum"

Was nun bleibt ist sein „Opus magnum“, eine im Internet entstandene Autobiografie, die Zwerenz fragmentarisch angelegt hat. Sie trägt den skurrilen Titel: „Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte“. Im Januar war er beim „52. Nachruf“ angekommen. „Merkel, Troika, Akropolis und Platon“ heißt dieser plastisch - ein echter Zwerenz-Titel. (smd mit dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar