Kultur : Autor, wechsle dich!

Eine

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von Marius Meller

Ende der Neunzigerjahre boomten nicht nur dubiose EBusiness- und Bio-Tech-Firmen, sondern auch das Geschäft mit den Büchern. Jungautoren unter den Fittichen von agilen Literaturagenten bekamen opulente Vorschüsse, es wurde Usus, die Verlage wie Unterhemden zu wechseln: Man schrieb ein Buch und ließ es an das meistbietende Verlagshaus verhökern. Die gute, alte lebens(werk)lange Autor-Verleger-Beziehung schien zum Auslaufmodell zu werden, etwas für die Dinosaurier der Gegenwartsliteratur, für Grass, Handke, Walser & Co. Aber die Blase platzte nicht nur in der New Economy, die Vorschüsse purzelten, manch ein Jungautor setzte wieder auf Altbewährtes und schätzte sich glücklich, wenn er die Chance bekam, mit einem seriösen Verlagshaus in Würde zu altern.

Aber eine gewisse Grundbeweglichkeit auch der älteren Literaturhasen blieb: Martin Walser verließ den ehrwürdigen Suhrkamp Verlag und wechselte im vergangenen Frühjahr zu Rowohlt – aus ideologischen Gründen. Nobelpreisträger Imre Kertész schlug die Gegenrichtung ein: Noch vor dem Tod des legendären Suhrkamp-Chefs Siegfried Unseld im Herbst 2002 wechselte er von Rowohlt zu Suhrkamp. Der Verleger hatte Kertész, als es bei Rowohlt kriselte, mit großem persönlichen Engagement umworben. Obwohl das Werk des ungarischen Juden bei Suhrkamp programmatisch bestens aufgehoben schien – im Verlag von Adorno, Scholem, Benjamin und Celan – wollte sich bei Kertész ein Gefühl des Angekommenseins nicht einstellen. Anfang der Woche hieß es nun, dass er zu Rowohlt zurückkehren wird – um das Gesamtwerk unter einem Dach zu halten, wie es in der Presseerklärung heißt.

Die „Übernahme“ des Suhrkamp Verlags durch die Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz im Herbst 2003 wurde von der Literaturwelt skeptisch kommentiert. Aber man war allseits bereit, sich von den Qualitäten der neuen Chefin überzeugen zu lassen. Dass es ihr nicht gelungen ist, den Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész zu binden, gibt neuen Anlass zur Sorge um das Traditionshaus. Die Integration von Kertész in die Suhrkamp-Welt – auch die Gewinnung der Rechte an seinen früheren Büchern – hätte höchste verlagspolitische Priorität haben müssen.

Es gibt dennoch keinen Grund, vom Exodus der Suhrkamp-Autoren zu reden. Zwar verliert der Verlag jetzt auch noch den hochbegabten Jungautor Daniel Kehlmann, der mit seinem nächsten Buch ebenfalls bei Rowohlt erscheinen wird. Aber Andreas Maier, der mit seinem Lektor zum Wallstein Verlag wechselte, ist inzwischen zu Suhrkamp zurückgekehrt. Der Weggang von Kertész ist allerdings ein Schlag ins Kontor. Und ein großer Erfolg für Rowohlt-Chef Alexander Fest.

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