Kultur : Autorenkino aus Mittelasien: "Killer" von Dareschan Omirbajew

Hans-Jörg Rother

Wie auf dem Sprung sitzt Marat im Foyer des Rundfunkhauses in Almaty. Ungeduldig wartete er auf die Rückkehr seines Chefs aus dem Studio und auf noch viel mehr. Seiner schmalen Gestalt und dem konzentrierten Gesicht sieht man die Energie an, die gebraucht werden will.

Kann ein Arbeiter, und diesem Typus gehört der bald darauf arbeitslose Marat zweifellos an, heute im unabhängigen Kasachstan einen Platz in der Gesellschaft finden? Die optische Klammer von Dareschan Omirbajews drittem, in Cannes und auf anderen Festivals aufgeführtem Film bildet eine starre Einstellung (schwarzweiß, von einem Mozart-Konzert unterlegt) auf das Gewimmel eines Marktes, wo es um Kaufen und Verkaufen und nichts anderes geht. Sind wir ein Händlervolk geworden? Wer wird noch produzieren?, sorgt sich der Mathematikprofessor auf der Fahrt zurück ins Akademie-Gebäude, das bald einer Bank gehören wird. Dann wird sich der Wissenschaftler eine Kugel in den Kopf schießen, und Marat wird hilflos in einer Schuldenfalle stecken.

Omirbajew akzentuiert die Geschichte eines überflüssigen Menschen als Gleichnis. Ein kleiner Fehler genügt, um einen arglosen Mann ins Verderben zu befördern. Nur einen kurzen Moment hat Marat im Wagen statt nach vorn zu seinem Baby geschaut, und schon ist der Auffahrunfall passiert, für dessen Kosten keine Versicherung aufkommt. Die Verwandtschaft hat ihre Ersparnisse an Betrüger verloren, es bleibt nur ein Wucherer. Um freizukommen, versucht sich Marat als Autohändler, doch bei der Rückfahrt aus Deutschland nehmen ihm Verbrecher den Wagen ab. Bleibt die Möglichkeit, der Mafia gegen Bezahlung einen missliebigen Journalisten aus dem Weg zu räumen. Kurze Zeit später wird Marat selbst nachts mit zwei Schüssen "erledigt".

"Ich bewege die Figuren wie ein Schachspieler. Stets ist die Konstellation wichtiger als die Figuren selber", sagt der 42-jährige Regisseur, der seine Projekte bisher mit französischer Hilfe realisieren konnte. Die Konstellation, das sind die harten Lebensgesetze in einem Land, wo ein mafiöser Kapitalismus herrscht. Omirbajew treibt das Spiel bis zum Aus seines Bauern, doch seine Figur ist ein lebendiger Mensch, dessen Gesicht, Haltung und Stimme (unerhört einprägsam: Talgat Assetow) ebenso überzeugen wie die Schauplätze dieses Dramas: die bescheidene Neubauwohnung von Marat und seiner jungen, wachen und ratlosen Frau, eine Striptease-Bar, in der dunkle Geschäfte angebahnt werden, die protzige Luxusvilla des Mafia-Bosses, eine Imbisstation an der Fernstraße, wo die Verbrecher Marat aufspüren, ein einsamer Kanal, an dem Marat zum Mörder wird.

Omirbajew, der nach einem Mathematikstudium an die Moskauer Filmhochschule ging und zuerst als Kritiker und Autor arbeitete, beruft sich auf Bresson, wenn er nach seinem Dramaturgie- und Stilprinzip gefragt wird. Er inszeniert die Szenen mit kühlem Verstand und viel Distanz, es gibt keine Schwenks oder andere Effekte. Die Kamera (Boris Troshew) nimmt sich Zeit und überlässt die Gewaltmomente der Fantasie des Zuschauers. Mit dem Monolog des Professors, den ein Polizeibeamter fortsetzt, als er aus dessen Aufzeichnungen vorliest, hat der ambitionierte Regisseur einen pessimistischen Kommentar beigefügt. "Wir sind nur Durchreisende und kennen weder Anfang noch Ende des Tunnels."

Keine Frage, in Mittelasien entsteht ein neues Autorenkino: unvergessen sind Aktan Abdikalikows "Beshkempir" und "Der Flug der Biene" von Jamshed Usmonow. Es überstrahlt als einsame Stimme die Auflösungserscheinungen und den neuen Fundamentalismus der Region. Und es wird auch im Westen gut verstanden.

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