Autorentage : Die Ideale der Mittdreißiger

Im Thalia Theater gaben sich Inszenierungen aus den verschiedensten Städten die Klinke in die Hand. Im Fokus des Saisonendspurts waren zeitgenössische Stücke und Stoffe.

Katrin Ullmann

BerlinEs ist jedes Jahr ein kleiner Marathon, ein echter Saisonendspurt, wenn am Thalia Theater die Autorentheatertage stattfinden. Dann stehen zwei Wochen lang Gastspiele, Ur- und Erstaufführungen, Lesungen und Publikumsgespräche auf dem Programm - und schließlich die "Lange Nacht der Autoren".

Dieses Jahr waren Inszenierungen aus Berlin, Frankfurt, Freiburg und Wien eingeladen, aus der Schweiz, aus den Niederlanden und aus Belgien - sämtlich mit zeitgenössischen Stücken und Stoffen. Selten zuvor war dieser Fokus so wichtig, hieß es im Festival-Programm: "angesichts der Tatsache, dass sich beispielsweise das Berliner Theatertreffen wieder verstärkt den erprobten und klassischen Texten zuwendet." Doch auch selten zuvor war das renommierte Festival, das Intendant Ulrich Khuon vor acht Jahren mit nach Hamburg brachte, so unspektakulär. Von den angekündigten "Leuchttürmen der Gegenwartsdramatik" in "paradigmatischen Inszenierungen" war wenig zu sehen, zumindest im großen Haus.

Dort machte "Mamma Medea" von Tom Lanoye den Auftakt. Ein Stück, das den Medea-Mythos in moderner, weil flapsiger Sprache erzählt. Stephan Kimmigs Inszenierung von den Münchner Kammerspielen blieb trotz des grandiosen Schauspielerduos Sandra Hüller und Steven Scharf seltsam kühl und holprig. Vom Deutschen Theater Berlin, wohin Khuon im nächsten Jahr wechselt (und mit ihm auch in neuer Form die "Autorentheatertage"), kam "Über Tiere" von Elfriede Jelinek, ein Stück über Frauenhandel (Regie: Nicolas Stemann), während Fritz Kater alias Armin Petras vom Berliner Maxim Gorki Theater in "Heaven (zu Tristan)" mal wieder die Tristesse des deutschen Ostens bemüht.

Neben der hauseigenen Produktion von Patrick Marbers "Beißfrequenz der Kettenhunde" (Regie: Stephan Kimmig) stand "Verbrennungen" des frankokanadischen Autors Wajdi Mouawad auf dem Programm. Das berührende und klug gebaute Stück über eine familiäre Katastrophe vor brutal realistischem Hintergrund war vom Burgtheater angereist. Dort hatte es Stefan Bachmann streckenweise humoristisch auf die Bühne gebracht. Das klingt dann doch nach einem Hamburger Konkurrenz-Theatertreffen.

Die stärkeren Inszenierungen waren auf der kleinen Bühne zu sehen. Im "Thalia in der Gaußstraße" gastierte vom Schauspielhaus Zürich die Produktion "Väter" (Regie & Konzept: Alvis Hermanis), ein persönlicher Erfahrungsbericht aus drei unterschiedlichen Sohn-Perspektiven, Alize Zandwijks stimmungsvolles, multinationales Laienprojekt "Mütter" aus dem RO Theater Rotterdam und Lot Vekemans unheimlicher Ismene-Monolog "Schwester von".

Zum Finale "Die lange Nacht der Autoren": Da werden vier in nur zehn Tagen erarbeitete Werkstattinszenierungen gezeigt. "Mehr Inhalt, weniger Form" hatte der Juror Gerhard Jörder von den Nachwuchsautoren gefordert und aus den eingesandten 79 Stücken seine Favoriten ausgewählt. Diese Autoren sind freilich keine so Unbekannten mehr, sind Preisträger von Stückemärkten und Projektstipendien.

Anne Habermehls "Letztes Territorium" etwa hat es bereits auf den Spielplan der kommenden Thalia-Spielzeit geschafft. Paul Brodowskys "Regen in Neukölln" (Regie: Hasko Weber), das aus unterschiedlichen Perspektiven von den Ereignissen einer Berliner Nacht erzählt, wurde mit dem Publikumspreis (5000 Euro) ausgezeichnet. Juliane Kann erhielt für "Birds", ein sehr heutiges, sehr berührendes "Frühlings Erwachen",den mit 10 000 Euro dotierten Autorenpreis. Philipp Löhles "Lilly Link", das auf dem Heidelberger Stückemarkt in diesem Jahr bereits den Autorenpreis gewonnen hat, machte den Schluss - passenderweise eine Groteske über die verlorenen Ideale der Mittdreißiger. Wenn sie denn mal welche hatten.

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