Autorentheatertage 2011 : Raus aus dem Überbau, ran an die Arbeit

Neue Stücke suchen den Kontakt zur Wirklichkeit: zum Start der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin

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Wenn die Wand aber nun ein Loch hat. Oliver Kraushaar, Michael Abendroth und Viktor Tremmel machen mal Pause in Roland Schimmelpfennigs „Wenn, dann: was wir tun, wie und warum“, inszeniert vom Schauspiel Frankfurt. Foto: Birgit Hupfeld
Wenn die Wand aber nun ein Loch hat. Oliver Kraushaar, Michael Abendroth und Viktor Tremmel machen mal Pause in Roland...

Die deutsche Gegenwartsdramatik ist in den vergangenen Jahren so sorgenvoll durchleuchtet worden wie der Ehec- Keim in den letzten Wochen. Ganze Symposien diagnostizieren der Patientin mangelnde „Welt- wie Nachhaltigkeit“. Vergeblich durchforsten sie die saisonalen Uraufführungen auf erbauliche Kleist- oder Schiller-Symptome und entlassen sie in aller Regel mit der niederschmetternden Prognose, ihre Lebenserwartung entspreche der einer Eintagsfliege. Die Patientin hält natürlich wacker dagegen. Schuld an Kurzlebigkeit und Schnellschussdramatik trügen vor allem die Intendanten und Regisseure, die sich, um mit den 2007 in Berlin gegründeten „Battle-Autoren“ zu sprechen, „Frischfleischwahn“ statt „Qualitätsgeilheit“ auf die Fahnen geschrieben hätten.

Darüber, ob das Erscheinungsbild des zeitgenössischen Theaters den Schreibern oder den Betriebsstrukturen in die Schuhe zu schieben sei, wird man vermutlich noch auf den nächsten zwanzig Symposien prächtig streiten, ohne übrigens mal gefragt zu haben, wie eine synonym mit Schiller & Co. gesetzte „Welthaltigkeit“ anno 2011 eigentlich konkret aussehen soll und ob sie uns dann allen Ernstes adäquat erschiene.

Sofern man tatsächlich nicht nur Klassiker im Theater sehen will, ist also ein Perspektivwechsel nötig. Der Theaterkritiker Till Briegleb, der als Auswahljuror des Mülheimer Gegenwartsdramatik-Festivals „Stücke“ jährlich um die 120 neue Elaborate sichtet, bemerkte jüngst im Fachblatt „Theater heute“, dass „die Haltbarkeit von Tiefkühlkost“ ganz selbstverständlich um einiges länger sei „als die von jedem neuen deutschen Stück". Aber möglicherweise ließe sich daraus ja nicht nur Bejammernswertes ableiten, sondern auch das eine oder andere Konstruktive. Zum Beispiel, dass sich die aktuelle Dramatik konkreten Zeitdiskursen stellt, statt ins Abstrakte zu entschwinden, und gegenüber der Welt, von und in der sie schreibt, nicht zu Größenwahn neigt.

Die ideale Gelegenheit, sich einigermaßen überbaufrei für das zu interessieren, was vorliegt, statt reflexartig zu beklagen, was fehlt, bieten die Autorentheatertage des Deutschen Theaters Berlin. Zehn Tage lang, vom 15. bis 25. Juni, präsentiert dieses Gastspielprogramm Namen, Themen und Tendenzen, die derzeit in der deutschsprachigen Dramatik von Belang sind.

Die erste erfreuliche Beobachtung: Die achtzehn Aufführungen, die DT-Intendant Ulrich Khuon und sein Team aus insgesamt 60 gesichteten Produktionen ausgewählt haben, widerlegen mit Grandezza einen Standardvorwurf, den unlängst Claus Peymann mal wieder formuliert hat: Die junge Dramatik kreise vorwiegend um die „Abhängigkeit von Mami und Papi“ sowie „Probleme mit dem Pimmel“.

Felicia Zellers pimmelproblemfreie „Gespräche mit Astronauten“ vom Nationaltheater Mannheim beschäftigen sich, ebenso wie Ewald Palmetshofers „tier. man wird doch bitte unterschicht“ vom Schauspielhaus Wien, mit der Arbeitswelt. Zeller lässt junge osteuropäische Babysitterinnen mit ihren hochfliegenden Karriereplänen so erfrischend egoistisch aussehen wie deren Arbeitgeberinnen: deutsche Power-Mütter zwischen antiautoritär quengelnden Lea-Maries und eigenem Berufsanspruch, die scharfsichtige Blicke auf die Selbstverwirklichungsbranche wie den Billiglohnsektor eröffnen. Ewald Palmetshofer wiederum nähert sich dem Leben der Aushilfskellnerin Erika mit einem Stilwillen, der über Alltagsrealismen hinaus universelle Machtstrukturen im Auge hat und dabei die Sprache selbst zum Untersuchungsgegenstand macht. Und in Roland Schimmelpfennigs „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum“ vom Schauspiel Frankfurt verschwindet ein Handwerker beim waghalsigen Renovierungsversuch eines Stadthauses ins Bodenlose.

Das Doku-Format, das in den letzten Jahren geradezu als Königsweg der künstlerischen Alltagsbewältigung betrachtet wurde, ist bei den Autorentheatertagen 2011 nur noch zwei Mal vertreten: mit Tobias Rauschs Kieler Rechercheprojekt „einsatz spuren“ über Bundeswehrsoldaten in Afghanistan sowie mit dem bereits seit April im Repertoire befindlichen DT-Eigenbeitrag „Geschichten von hier III: Neuland“. Dort wird unter der Regie von Frank Abt in den ehemaligen Theaterwerkstätten auf der Chausseestraße lokalen Erinnerungen nachgehangen. Dass Tobias Rauschs Inszenierung „einsatz spuren“, die auf Interviews mit Soldaten und deren Angehörigen basiert, in der Umsetzung hinter ihrem eigenen Anspruch zurückbleibt, erzählt einiges über strukturelle Grenzen der Dokumentarmethode. Fragen nach familiärer Entfremdung oder nach Verständnisschwierigkeiten für den Einsatz im engsten Kreis, die das klug gedachte Projekt den Angehörigen ursprünglich zu stellen versprach, treten auf der Bühne zugunsten des Mitgefühls und der Trauer in den Hintergrund. Hinzu kommen die genretypischen Umsetzungsschwierigkeiten eines Materials, das auf den ersten Blick eher nach Reportage oder Hörspiel-Feature als nach einer Theaterbühne schreit.

So ist es umso zwingender, dass die hochkarätigen Autorentheatertage im DT ganz nebenbei auch die Regiekunst feiern. In Roland Schimmelpfennigs erstklassig besetzter Wiener Eigeninszenierung seines Stückes „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ gewinnen die über Afrika parlierenden Wohlstandsmediziner-Paare mehr Tiefenschärfe als in Martin Kusejs Version vom DT. Und was wäre Feridun Zaimoglus und Günter Senkels „Alpsegen“ von den Münchner Kammerspielen, der das Festival an diesem Mittwoch eröffnet, ohne den konsequenten Zugriff eines Sebastian Nübling? Zaimoglu erinnert sich, darin fast schon ein Archetyp der Gegenwartsdramatik, seiner bayerischen Kindheitsjahre in einem prosahaften Text ohne klare Rollenprofile. Seltsame Fabelwesen wie „die Mondhelle“ oder „der fahle Gimpel“ führen im Wirtshaus bierselig Katholizismus-Diskurse, während der brave Familienvater Curd in einer Münchner Absteige mit dem italienischen Eisverkäufer Flavio an seinem schwulen Coming-out arbeitet. Überzeugend drückt Nübling dieser Textfläche einen Farce-Stempel auf.

Ob Zaimoglu und Senkel in hundert Jahren noch gespielt werden, dann möglicherweise als Tragödie von antikem Ausmaß, steht natürlich in den Sternen. Eine Ausnahme-Dramatikerin, die den Nachhaltigkeitsanspruch zumindest seit einigen Jahrzehnten mehr als übererfüllt, ist bei den Autorentheatertagen gesetzt. Elfriede Jelineks kluge, schmerzliche, schonungslose „Winterreise“, die Schuberts Liederzyklus unter anderem mit Natascha Kampusch und Jelineks eigenem, alzheimerkranken Vater verbindet, gastiert in der Uraufführungsregie des Münchner Kammerspiele-Intendanten Johan Simons in Berlin. Über dessen eher individualisierenden Zugriff lässt sich zwar streiten. Aber eine kernige Debatte ist bekanntlich das beste Vitalitätssignal.

In der Langen Nacht der Autoren, die am 25. Juni die Autorentheatertage beschließt, begegnet man einer Gattung, die schon als ausgestorben galt. Aus 140 Texten hat die Kuratorin Elke Schmitter eine Handvoll neuer Stücke ausgewählt, und zwar nach dem Humortest. Was ist komisch? Die Rückkehr der Komödie wäre wirklich einmal eine gute Nachricht.

Info: www.autorentheatertage.de

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