Autorentheatertage 2012 : Mach es nicht selbst

Die Berliner Autorentheatertage kämpfen gegen den „Authentizitätsterror“.

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Familienaufstellung. „Der Wind macht das Fähnchen“ von Philipp Löhle. Foto: Thilo Beu/DT
Familienaufstellung. „Der Wind macht das Fähnchen“ von Philipp Löhle. Foto: Thilo Beu/DT

Obwohl wir uns zunächst noch in den seligen alten Neunzigern befinden, sieht es für Holger nicht gut aus. Als seine Firmenteilhaber aufs Internet umrüsten, schmeißt er seinen Job bockig hin und startet eine Karriere als Hausmann. Die Einsicht, es doch noch mal mit „Online“ zu versuchen, kommt mehrere Jahre zu spät: Mit der Dotcom-Blase platzt leider auch Holgers neuer Job.

Philipp Löhles Text „Der Wind macht das Fähnchen“, eines der Eröffnungsstücke der diesjährigen Autorentheatertage im Deutschen Theater Berlin, verbindet die Aufs und Abs einer Durchschnittsfamilie von den 1990er bis in die 2010er Jahre hinein mit der Dramaturgie von Aktienkursverläufen. „Die Familie ist doch ein Wert“, schwadroniert der kurzbehoste Vater Holger (Rolf Mautz) in einem Anfall von Romantik vor sich hin. „Ja; und jetzt ist gerade Werteverfall“, kontert Holgers Gattin Petra (Tatjana Pasztor). Gemeinsam mit Tochter Sibylle (Philine Bührer) und Sohn Tim (Birger Frehse) hockt das Ehepaar in Dominic Friedels Inszenierung vom Schauspiel Bonn auf einer nahezu leeren Bühne in den DT-Kammerspielen und lässt die Erinnerungen an Italienurlaube, Heulattacken, Karriereknicks und Ehekräche vorüberziehen.

Mit dieser künstlerischen Strategie, das Private von der Nabelschau weg ins Gesamtgesellschaftliche zu wenden, trifft Löhle ganz gut das Motto des Autorenfestivals, das bis Mitte Juni in 17 Gastspielen neue Dramatik aus dem deutschsprachigen Raum präsentiert. „Sei nicht du selbst“, hatte der Kulturjournalist Tobi Müller in seiner Eröffnungsrede gefordert. Als Alleinjuror der traditionellen „Langen Nacht der Autoren“, die zum Festivalfinale drei brandneue Stücke in szenischen Lesungen vorstellt, wünschte sich Müller eine Abkehr vom weitverbreiteten Authentizitätszwang, der künstlerische Produktion auf narzisstische Selbstbespiegelung verknappt. Damit hat die dritte Berliner Ausgabe dieses Gegenwartsdramatik-Festivals, das Ulrich Khuon bei seinem Intendanzantritt 2009 vom Hamburger Thalia-Theater mit ans DT gebracht hatte, tatsächlich ein Thema, das sich aus vielen verschiedenen Perspektiven zu beleuchten lohnt.

Deutlich näher am nabelschauverdächtigen Milieu der Latte-macchiato-Mütter vom Prenzlauer Berg als Löhles prekäres „Einfamilienstück“ bewegt sich der zweite Eröffnungsbeitrag des Festivals, der zeitgleich im Großen Haus lief: Roland Schimmelpfennigs Schicksalssinfonie „Das fliegende Kind“, vom Autor selbst im Februar am Wiener Burgtheater urinszeniert. Auch hier steht die typische deutsche Kernfamilie im Mittelpunkt. Während eines Laternenumzugs zum St.-Martins-Tag stirbt ein Kind bei einem Autounfall. Die Mutter hatte kurzzeitig ihre Aufsichtspflicht verletzt, um mit einem attraktiven fremden Kindsvater zu flirten. Ihr eigener Mann war zu diesem Zeitpunkt schon längst unter einem fadenscheinigen Vorwand davongefahren, um die brasilianische Wissenschaftlerin Dolores da Silva während ihres Vortrags über den Regenwald anzuhimmeln.

Im Gegensatz zu Löhle geht es Schimmelpfennig nicht um die Familie als ökonomische, sondern als gleichsam poetische Keimzelle der Gesellschaft. Mehr als Kursschwankungen interessiert den 45-Jährigen, der zu den meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatikern gehört, inwiefern das zeitgeistige Berlin-Mitte zur Tragödie antiken Ausmaßes taugt. Wie immer mäandern die ganz großen Themen durch Schimmelpfennigs Stück, das die Burgtheater-Schauspieler aus verschiedenen Perspektiven und mit häufigen Vor- und Rückblenden erzählen: Schicksal, Schuld, Tod.

Darüber, ob man familienseligen Enklaven à la Kollwitzkiez hier nicht ein bisschen viel Bedeutungslast zumutet, lässt sich streiten. Fakt indes ist, dass Schimmelpfennig, der seine Stücke seit dem Tod des Regisseurs Jürgen Gosch meist selbst inszeniert, seine Regiemethode immer weiter zuspitzt. Das Erzähltheater des minimalistischen Anzitierens, das in kalkulierten Redundanzen Fährten auslegt und sein Thema lieber bewusst umkreist als auf den Punkt bringt, kann auch zu den Vermeidungsstrategien des „Authentizitätsterrors“ gezählt werden.

Im Übrigen ist „Das fliegende Kind“ nur eines jener Stücke, die vor ihrem Gastspiel bei den Berliner Autorentheatertagen zum renommierten Mülheimer Stücke-Festival eingeladen waren, das alljährlich die sieben bemerkenswertesten neuen Theatertexte präsentiert. Geradewegs aus Mülheim reisen beispielsweise Peter Handkes dramatisches Schwergewicht „Immer noch Sturm“ in der Inszenierung von Dimiter Gotscheff mit Jens Harzer, Bibiana Beglau und Hans Löw oder Anne Leppers „Käthe Hermann“ an.

Die Autorentheatertage finden bis zum 16. Juni im Deutschen Theater Berlin statt. Programminfos: www.deutschestheater.de

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