Autorentheatertage Berlin : Alphamädchen mit Testosteron

Wo Texte das Weite suchen und Männer und Frauen Spaß an Gegenwartsdramatik haben: die Autorentheatertage im Deutschen Theater Berlin.

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Kräche und Beziehungen. Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ in einer Inszenierung aus Bern ist am Samstag zu sehen. Foto: DT
Kräche und Beziehungen. Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ in einer Inszenierung aus Bern ist am Samstag zu sehen. Foto:...

„Ich hatte wenig zu lachen“, gesteht Sigrid Löffler in ihrer angenehm analytischen Eröffnungsrede zu den vierten Autorentheatertagen im Deutschen Theater. Grund der Humorarmut: Die Literaturkritikerin hatte 87 neue Theaterstücke gelesen, deren Gros sich eher mit redlichem Empörungsfuror als mit Witz und poetischem Tiefsinn an sämtlichen Weltkrisen abgearbeit habe, die die Medien so in unsere Wohnzimmer spülen.

Sigrid Löffler ist in diesem Jahr die Alleinjurorin der „Langen Nacht der Autoren“, des finalen Festival-Herzstücks, bei dem frische, bis dato unaufgeführte Texte in charmant aninszenierten Bühnen-Schnellschüssen ausprobiert werden. „Das Weite suchen“ hatte sie als Motto ausgegeben – in der Hoffnung auf „welthaltige“ Beiträge „jenseits der familiären Privatsphäre und der wohlbekannten Wohlstandskrisen hierzulande“. Die postdramatische Avantgarde à la Elfriede Jelinek oder René Pollesch, brachte Löffler ihr Lektüre-Erlebnis schließlich auf den wenig erbaulichen Punkt, sei im Mainstream angekommen; gern allerdings als bloßes und entsprechend misslungenes Stil-Zitat. Im Klartext: Die Literaturkritikerin las en masse figuren- und dialogfreie Textflächen, die die inhaltliche und formale Substanz ihrer Vorbilder deutlich vermissen ließen.

Umso erfreulicher, dass Sigrid Löffler daran erinnerte, dass Theater im Idealfall als eigengesetzlicher Ort imstande ist, gesellschaftliche Verhältnisse tatsächlich anders zu reflektieren. Es ist dies eine Fähigkeit, die unter dem allgegenwärtigen Produktions- und Ausstoßdruck gern in Vergessenheit gerät. Die Jurorin selbst hat mit „Die Schweizer Krankheit“ von Uta Bierbaum, „Schwäne des Kapitalismus“ von Matthias Naumann und „Exzess, mein Liebling“ von Olivia Wenzel unter den 87 Einsendungen letztlich noch drei heterotopische ausgemacht.

Bevor die Zuschauer allerdings mit dieser Trias mottogetreu „das Weite suchen“, stehen noch 15 saisonfrische Gastspiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf dem Programm; also Texte gegenwärtiger Autoren, die nicht qua Schreibaufruf erst noch aufzuspüren, sondern bereits vorhanden sind. Und zwar teilweise, zum Glück, schon relativ lange – was in diesem Business bekanntermaßen nicht immer so einfach ist wie einen ersten Dramatikerwettbewerb zu gewinnen. Gezeigt werden aktuelle Stücke unter anderem von Elfriede Jelinek, Ewald Palmetshofer, Felicia Zeller, Moritz Rinke, Dea Loher und Gesine Danckwart.

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