Kultur : Avantgarde, die sich im Kreise dreht

Zwischen Spiel und Zivilisationskritik: Tom Sachs verwandelt die Deutsche Guggenheim Berlin in einen Modellautoparcours

Christina Tilmann

Dass das Spiel mit der Carrera-Bahn einmal das höchste Kinderglück bedeuten konnte, hat Florian Illies in „Generation Golf“ anschaulich beschrieben: die Kurven, die Loops, das Aufheulen der Spielzeug-Motoren. Zu steigern war das Glück nur noch, wenn man im Anschluss noch einen McDonald’s-Besuch einlegen konnte. Es soll Generationsgenossen gegeben haben, die sich zur Erstkommunion statt Sonntagsbraten Fast Food wünschten.

Auch Tom Sachs, 1966 geborener Installationskünstler aus New York, ist geradezu obsessiv beschäftigt mit der kindlichen Daseinsform, die geprägt ist von Carrera und McDonald’s, von Autos, Fast Food, Mode-Markenwelt. Nicht umsonst war er einmal Schaufensterdekorateur bei Barney’s New York. Nun steckt er sein ganzes Team in weiße Overalls mit dem bekannten rot-gelben Logo drauf, und er rückt die Drive-Thru-Baracken der Imbisskette sogar in die Nähe einer Bauikone des 20. Jahrhunderts. Wo die britischen Brüder Jake und Dinos Chapman in ihren letzten Arbeiten noch die Nähe von McDonald’s-Massentierhaltung und Konzentrationslagern betonten, stellt Tom Sachs in „McBusier“ seinen aus weißer Pappe nachgebauten Schnellimbiss nur eine Straßenkreuzung entfernt von Le Corbusiers Villa Savoye auf. Und in der Tat, die Ähnlichkeiten liegen auf der Hand. Nicht nur, dass Rampen, Flachdach und Fensterbänder in beiden Modellen zu finden sind, der Entwurf Le Corbusiers mit seinem aufgestelzten, freien Untergeschoss beruht sogar auf dem Kurvenradius des Citroën Traction Avant.

Für die Deutsche Guggenheim Berlin hat Sachs nun den rechteckigen Ausstellungsraum Unter den Linden in einen riesigen Themenpark für Spielzeugautos verwandelt. Was nicht einfach war: Launig berichtet der Künstler davon, dass der TÜV beinahe den Feuerreifen nicht freigegeben hätte, durch den die Spielzeugautos springen müssen. Die 10 000-Watt-Soundanlage stellte das Stromnetz auf eine echte Belastungsprobe. Und auch die Befestigung der Aufbauten auf dem edlen Galerieboden bereitete Schwierigkeiten. Schließlich schaffte das Berliner Team teure Metallplatten heran, die der betont improvisierten Arbeit eine „ganz ungeahnte Eleganz“ verleiht, wie Sachs meint.

Doch nun funktioniert der Parcours. Hat der Besucher seine Fahrprüfung bestanden, indem er in weniger als 20 Sekunden eine enge Achter-Schleife absolviert hat, ohne die Leitplanken oder die Markierungen zu berühren, darf er seine Mini-Z-Flitzer auf die große Hindernisstrecke schicken: 400 Quadratmeter, durch eine einzige Fahrstrecke verbunden. Den Anfang macht eine große, in liebevollster Kleinarbeit gestaltete Rekonstruktion von Le Corbusiers Marseiller Wohnanlage „Unité d’habitation“ (kleine Hommage an Berlin, wo im Olympiagelände ein weiterer Prototyp der Unité steht). Es folgen Nachbauten der berühmten Barcelona-Möbel von Mies van der Rohe im Maßstab 1:1. Dann ein mobiler McDonald’s-Stand, an dem in der Ausstellung live Hamburger, Fritten und Apfelkuchen hergestellt wird. Im Anschluss eine spiralförmige Garagenauffahrt (große Hommage an das finanzierende Guggenheim, dessen Stammhaus in New York von Frank Lloyd Wright in ebenjenen Spiralen erbaut wurde), die die ferngesteuerten Spielzeugautos auf eine Rampe und danach durch einen Feuerreifen leitet. Hat der Wagen die anschließende Reparaturstation passiert, kann er wählen zwischen einer Fahrt durchs Ghetto mit zugemüllten Straßen und einer bedrohlich installierten Selbstschussanlage oder – sicherere, aber wesentlich längere Variante – einem künstlerischen Skulpturenpark mit Zitaten von Brancusi-, Calder- und Serra-Skulpturen. Am Schluss gibt’s für den glücklichen Gewinner Marihuana in Tüten, und das Spiel beginnt von neuem.

Ein Eldorado für Hobbytüftler, ein postmodernes Disneyland der Anspielungen und Zitate: Mit dieser Form von detailverliebter Hobbybastelei steht Sachs nicht allein in der zeitgenössischen Kunst. Auch das Schweizer Künstlerduo Fischli & Weiss baut mit Vorliebe Modelllandschaften, schickte etwa in den Berliner Kunst-Werken eine Modelleisenbahn rund um den zentralen Baum im Hof. Auch die Chapman-Brüder wurden international bekannt mit „Hell“, einem drastischen Miniaturmodell grässlicher Folterszenen, die sie in Hakenkreuzform angeordnet zuletzt im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigten (Tagesspiegel vom 3. Februar). Nicht von ungefähr denkt man bei „Nutsy’s“ auch an die farbenfrohen, phantasievollen Hochhausbauten aus Uhu-Schachteln und anderem Müll, die der afrikanische Künstler Bodys Isek Kingelez auf der letzten Documenta vorstellte. Hier wie dort herrscht ein ungebremster Basteltrieb, hier wie dort die Entscheidung, mit billigsten Materialien anspruchsvolle Bauten zu verwirklichen, hier wie dort postmoderne Zivilisationskritik. Die Improvisationsfähigkeit von Künstlern hinterfragt die Vorzeigeprodukte westlicher High-Tech-Architektur.

Dieser Kritik schließt sich auch Tom Sachs an, auch wenn seine neue Arbeit vergleichsweise harmlos, spielerisch daherkommt. Zuvor hatte Sachs in New York mit einer „Chanel Guillotine“ (1998) und einem „Prada Death Camp“ (1999) im Rahmen der umstrittenen Ausstellung „Mirroing Evil“ über den Umgang zeitgenössischer Künstler mit dem Holocaust im dortigen Jüdischen Museum für Aufregung gesorgt. Als „Nutsy’s“ im vergangenen Jahr das neue Quartier der Bohen Foundation im New Yorker Stadtteil Chelsea eröffnete, war die Arbeit zwar Stadtgespräch. Zum Skandal jedoch reichte es nicht.

Denn so gern der Künstler sich als enfant terrible gibt: Im Kern ist er ein Bastler, ein Spieler. Die echte Begeisterung ist Tom Sachs anzusehen, als er sein als Guggenheim-Edition vertriebenes „deluxe racing set“ (Auflage: 150, Kostenpunkt 570 Euro!) in Berlin vorstellt: Die Porsche-Karosserie in Weiß („Rot hat ja jeder. Aber Weiß ist echt selten!“), die Ersatzräder, die Sticker und Instruktionen, und das Ganze im tragbaren Bastelkasten. Mit solcher Begeisterung begann auch die Arbeit an „Nutsy’s“: Erst wurden die Autos gekauft, dann zu Schrott gefahren und repariert und schließlich begann das Team, ihnen Häuser zu bauen. Für den Nachbau von Le Corbusiers „Unité d’habitation“ (schon vor der Präsentation angekauft von der Guggenheim-Foundation) mussten schließlich 144 000 kleine Löcher in Pappkarten gestanzt werden, um damit die durchbrochenen Betongitter von Corbusiers Loggien nachzubilden. In Berlin hofft Tom Sachs auf Seinesgleichen: Am Ende der Ausstellung, vom 1. bis 5. Oktober, wird der „Nutsy’s World Cup“ stattfinden, bei dem jeder, der eines der teuren „deluxe racing sets“ erworben hat, sein Glück versuchen darf. Pokalträger ist derzeit Tom Sachs selbst – mit einer Bestzeit von 3:28 Minuten.

Tom Sachs, Nutsy’s. Bis 5. Oktober, täglich 11 bis 20 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr. Montags Eintritt frei. Katalog 39 €.

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