Kultur : Avantgarde-Film: Männer in Sehnot

Knut Ebeling

Der Filmemacher Matthias Müller, der sich bislang mehr auf nationalen und internationalen Filmfestivals herumtrieb, als sich mit dem Kunstzirkus herumzuschlagen, ist dennoch in der Kunstwelt gelandet: Seine experimentellen Avantgarde-Streifen gastierten zunehmend nicht nur in Cannes und Venedig, sondern auch auf der letzten Documenta und der dritten Manifesta. Müller war im Louvre zu sehen und im New Yorker MoMA.

Das Kunstkino Müllers steht sichtbar in der Tradition der filmischen Avantgarde eines Kenneth Anger, Jean Genet, aber auch in der des R. W. M. Fassbinder, der Genets "Querelle" verfilmte: Sticht Fassbinders Film durch seine grelle Farbigkeit hervor, wählt auch Müller stets einen hervorstechenden Farbton: So ist einer der beiden in Berlin gezeigten Filme blau, der andere rot eingefärbt. Der blaue, ältere Film, "Sleepy Heaven", zeigt am deutlichsten die - nicht nur filmische - Tradition, aus der Müller kommt. Seine schlafenden Männer, in schimmernd-irisierendes blaues Licht getaucht, die krassen Überblendungen, die Sichtbarkeit des filmischen Materials und schließlich der eingesprochene literarische Text sind unverkennbar Effekte jener homosexuellen Bildlichkeit, die das subversive Avantgardekino entwickelte.

In der traumhaften Filmästhetik Müllers wechseln rohe Industrieanlagen mit entblößten Körpern, Wassermassen begraben Schiffe in Seenot. Manchmal fällt es nicht leicht, das bisweilen kitschige Pathos dieser Seeleute nachzuvollziehen. In der Folge des Surrealismus werden die Zeichen des Geschlechtlichen so zerstückelt ausgesendet wie Morsezeichen. Das Subjekt ist hier nurmehr eine fragmentierte Angelegenheit jenseits jedes roten Fadens. In dem roten Film, "Phantom", findet man weniger die Gestalt der schaurig-schwarzen Männerromantik, sondern Motive aus den Nachmittagsserien, wo die Frauen ihren Männern durch die Gardine nachblicken. Sein Film zeigt weniger Ausblicke als die Innenansichten der Menschen, die einem Bild nachsehen.

Müllers Urgeste der Kunst sind Filmstills aus anderen Werkphasen beiseite gesellt. Auch wenn die Stills dem Kunstkontext vielleicht eher entsprechen: Den beiden gezeigten Filmen tut die Koexistenz nicht unbedingt gut. Besonders wenn einer von ihnen, "Sleepy Heaven", lieblos auf einem kleinen Monitor neben dem Ausgang vor sich hinflimmert (Stills und Serien 800-8000 Mark).

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