Kultur : Avantgarde in Kleinbuchstaben - Der Zuhörer als Mitmacher

Volker Straebel

Eigentlich müsste sie unhörbar sein, die Musik, die von heute an für zehn Tage beim Festival "Ultraschall" erklingt, ein hohes Fiepsen nur, jenseits der Hörgrenze. Das würde aber den beiden großen Berliner Rundfunkanstalten, die für das Programm verantwortlich zeichnen, dem Deutschlandradio Berlin und dem SFB, kaum gefallen. Belangloses "versendet" sich rasch, wie die Kollegen vom Hörfunk sagen, Stille im Äther führt jedoch zur vollautomatischen Einschaltung des Pausenzeichens. So retten sich die Redakteure für Neue Musik der beiden Häuser, Rainer Pöllmann und Martin Demmler, mit einem hörenswerten Programm zwischen Elektronischer Musik und großem Orchesterkonzert.

Bezeichnend ist, wie sie "Ultraschall" unterschrieben: Festival für neue Musik, "neu" mit kleinem "n". Das große "N" hätte die Tradition der Avantgarden des nun vergangenen Jahrhunderts bezeichnet, die einzig in der retrospektiven langen Nacht des Klaviers "99 Jahre auf 88 Tasten" zu Gehör kommen wird (29.1. ab 22 Uhr im SFB). Der Rest ist mehr oder weniger neu, ein paar Klassiker hier und da: das quälend bohrende Streichtrio "Ikhoor" (1978) von Iannis Xenakis mit dem Trio Recherche (morgen um 20 Uhr im SFB), Giacinto Scelsis "Aion" (1961), das längste Orchesterwerk des Altmeisters der Mikrotöne, viel tiefes Blech in "Vier Episoden aus einem Tage des Lebens Brahmas" (28.1. um 20 Uhr im SFB).

Die große Chance, die dem Ultraschall-Festival aus der Verfügbarkeit des Rundfunkchores (Uraufführung von Qu Xiao-song am 27.1. im Kammermusiksaal der Philharmonie), des Deutschen Symphonie-Orchesters (Uraufführung eines nicht ganz fertig gestellten Klavier-Konzerts von Hanspeter Kyburz am 28.1. im SFB) und des Rundkunk-Sinfonieorchesters (Symphonisches von Martland und Ustvolskaja am 29.1. im SFB, Beginn jeweils 20 Uhr) erwächst, wird ihm zugleich zur Falle. Denn diese Musik ist neu, nicht aber unbedingt zeitgenössisch. In den letzten dreißig Jahren haben sich die jeweils aktuellen Entwicklungen in den privaten Studios erfinderischer Elektronikbastler abgespielt, nicht aber im Orchestergraben. Dem setzt "Ultraschall" zwei Klanginstallationen entgegen, deren radiofone Sendung nicht mehr als eine durch Wortbeiträge ergänzte Dokumentation sein kann (jeden Dienstag ab 23.30 Uhr auf RadioKultur). Christina Kubisch entfaltet mit Tonaufnahmen von Bergmann-Signalglocken in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum eine assoziationsreiche Zitatmusik. Im Lichthof des Hauses des Rundfunks wird in Peter Tucholskis Installation "Zirkuläre Aleatorik" der Besucher selbst zum Akteur. Über Bewegungsmelder bringt er acht bis 15 Meter lange Spiralfedern zum Schwingen, und entlockt ihnen sphärisch leichte Klänge.

Heute eröffnet fulminant das Agon Orchester aus Prag mit Martin Smolkas ironischen Stilzitaten und New Yorker Avantgarde (Elliott Sharp, John Zorn) bereits um 19 Uhr in den Sophiensälen, gefolgt von dem E-Gitarristen Seth Josel um 21 Uhr. Hier wird gewiss kein Ultraschall geboten, sondern körperlich erfahrbare Klangballung. Ruhiger geht es bei dem Konzert des Berliner Kairos-Streichquartetts am Sonntag zu (Sophiensäle 20 Uhr, Uraufführung Gerhard Müller-Goldboom). Wem das alles zu viel wird, der schalte in den nächsten Wochen öfter mal sein Radio an.Info-Telefon 8503-5645 und 3031-3611; Klanginstallationen von Christina Kubisch in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum bis 30.1. tägl. 12-20 Uhr und von Peter Tucholski im SFB 27.1.-18.2. werktags 10-18 Uhr

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