Kultur : Avantgarde kann Spaß machen

Mit einer breiten Werkschau begehen die Berliner Festwochen den 100. Geburtstag des vergessenen Komponisten Stefan Wolpe

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Von Isabel Herzfeld

Nur Kenner haben bisher von Stefan Wolpe gehört: War das nicht dieser verrückte Berliner Komponist, der in den roaring twenties dadaistischen Schabernack trieb, den er als avantgardistisches Experiment ausgab? Schrieb er nicht simpelsten Agitprop, revolutionäre Arbeiterlieder und -märsche?

Wie der Mensch so widersetzt sich auch dessen schillerndes, facettenreiches Werk allen Einordnungsversuchen. Ein Außenseiter war Wolpe sein Leben lang, auch dort, wo er zu Hause war. Allem Institutionalisierten und Etablierten stand er skeptisch gegenüber – dafür war das wirkliche Leben viel zu aufregend. Als Sohn jüdischer, aus Österreich und Russland stammender Einwanderer wuchs er im Berlin der Kaiserzeit auf. Als Kind lernte er – wie damals in gutbürgerlichen Familien üblich – Klavier, ging später auch zum Theorieunterricht im ehrwürdigen Konservatoriumsbau in der Spichernstraße. Die Schule schmiss er ein Jahr vor dem Abitur, um an der Musikhochschule bei Paul Juon, einem noch an Brahms orientierten Spätromantiker, Komposition zu studieren. Auch da genügte ein Semester. Wichtige künstlerische Erfahrungen ließen sich in der jungen Weimarer Republik eher auf Straßen und Plätzen machen. Wolpe zog es ins Bauhaus: Im Grundkurs bei Johannes Itten lernte er beim Einfachen und Funktionalen anzusetzen. Er verehrte Ferruccio Busoni, den großen Klaviervirtuosen und experimentierfreudigen Klangschöpfer. Er schloss sich dem Dada-Kreis an und vertonte das unsterblich blödsinnige Gedicht „Anna Blume“ von Kurt Schwitters. Bei der „Novembergruppe“, einem linksradikalen Künstlerkreis, dem auch Kurt Weill und Hanns Eisler angehörten, bei der „Internationalen Arbeiterhilfe“ und im Agitproptheater „Truppe 31“ beschwor er mit nützlicher und verständlicher Musik die „neue Welt“ der Arbeitermacht. Dogmatischer Kommunist war er allerdings nie, eher idealistischer Rebell. Kunst und Leben, Unterhaltung und Avantgarde waren eins in dieser Zeit der engagierten, mittellosen Bohème, die auch Wolpe zwang, sich mit Gelegenheitsjobs als Barpianist und Stummfilmbegleiter durchzuschlagen.

Foxtrott, Tango und Boston, die Tänze der großen Revuen, verbinden sich hier mit „alten“ Klängen, etwa Bach-Zitaten. „Stimmen aus dem Massengrab“ nach Erich Kästner ist ein großes ernstes Antikriegsstück. „Stehende Musik“ wiederum, wie der Komponist seine erste Klaviersonate bezeichnete, greift weit in die Zukunft des amerikanischen Minimalismus aus, ist mit ständig wiederholten rhythmisch-dynamischen Mustern eine Art Berliner Pop-Art.

Für die Nazis musste das „entartet“ klingen. Wie so viele wurde Wolpes hoffnungsvolle Karriere abgebrochen, er ging 1933 zunächst nach Wien, wo er sich bei Anton Webern noch einmal in Zwöltontechniken fit machte. „Four Studies in Basic Rows“ reflektieren diese Erfahrung - doch da befand sich Wolpe schon in Palästina, als Lehrer am „Palestine Conservatory". Im gelobten Land mühte er sich um seine jüdische Identität, vertonte Bibeltexte, schuf die „Yigdal"-Kantate, die später Leonard Bernstein begeisterte. Stets den adäquaten sozialen Gestus „einkomponierend“, integrierte er nun „jüdische“, orientalische Tonfolgen – und eckte damit genauso an wie mit seinen radikalen politischen Ideen.

In den USA war er besser aufgehoben. In Philadelphia und New York wurde Wolpe zum anerkannten Lehrer junger amerikanischer Komponisten wie Morton Feldman oder David Tudor. Als Freund von Edgard Varése und John Cage, den Malern Willem de Kooning und Mark Rothko, stieß auch seine Musik in frei organisierten, statisch gefassten „Klangräumen“ zu einem „abstrakten Expressionismus“ vor. Sein Meisterwerk für drei Klaviere, „Enactments“ von 1950, arbeitet mit verschiedenen Bewegungsformen nach Art der Mobiles von Alexander Calder.

In den 60er Jahren, kurz vor Ausbruch der Parkinsonschen Krankheit, an der er 1972 starb, kam Wolpe auch wieder nach Deutschland. Doch war seine Zeit einer freien Avantgarde vorbei oder noch nicht gekommen.

Stefan Wolpe-Retrospektive: 9.-14.9. im Konzerthaus jeweils 20 Uhr. Am 13./14.9. internationales Symposium im Musikclub unter Mitwirkung Katharina Wolpes, Klavier. Weitere Informationen unter: www.Konzerthaus.de

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