Avantgarde : Petersens Mondfahrt

Bohemiens mit bibliophiler Bildung, einem Hang zur Extravaganz sind selten und hochinteressant. Eine Ausstellung würdigt Berlins Avantgarde-Galeristen.

Matthias Reichelt

Bohemiens mit bibliophiler Bildung, einem Hang zur Extravaganz sind selten und hochinteressant. Das trifft zweifellos auf Jes Petersen (1936-2006) zu, der in Westberlin 1977 seine Galerie in der Pestalozzistraße eröffnete und bis 1993 in der Goethestraße betrieb. Rückblickend liest sich ihr Programm wie das Who’s Who heute berühmter Künstler. Einige Positionen wie Bernhard Blume oder Martin Kippenberger waren damals – zumindest für Westberlin – zu früh und andere Galeristen haben später damit Geld verdient. Die Kommunale Galerie in Wilmersdorf widmet Petersen nun eine Ausstellung. Leider wird er dort allein auf seine Tätigkeit als Galerist reduziert, indem etwas fantasielos die Werke einiger Künstler seines Programms ausgestellt werden. Der umfassenden Bedeutung Petersens für das intellektuelle Klima im damaligen Westberlin und seiner Passion für Literatur und schräge Biografien wird die Ausstellung nicht gerecht.

Seine Heimat war das Charlottenburg mit der Savignyplatz-Szene aus Künstlern, Literaten und dem listigen Widerstandskämpfer Oskar Huth. Beide saßen oft in der Galerie zusammen und abends in der legendären Kneipe „Zwiebelfisch“. Petersen publizierte zu Friedrich Schröder-Sonnenstern und verhalf ihm zu erneutem Ansehen. Als Sohn von Bauern hatte er trotz erzwungener Ausbildung zum Landwirt nie Lust verspürt, den Hof zu übernehmen. Stattdessen gründete er dort die Petersen Press und zog mit seiner Frau Ilona, einer Tänzerin aus Valeska Gerts Kneipe auf Kampen, Anfang der Sechziger nach Berlin. In Ansätzen ließ er sein Leben in Texte einfließen, die in homöopathischen Dosen zum ersten Mal vom Petersen-Kenner Andreas Hansen unter dem Titel „Jes Petersens wundersame Reise“ herausgegeben wurden. Nach der Lektüre reibt man sich verwundert die Augen über dieses an Kabinettstücken so reiche Leben. Mit der Galerie hangelte sich Petersen immer wieder am Ruin entlang und versuchte die dringend benötigten Mittel mit dem Dealen von Kokain zu erzielen, wofür er zwei Jahre ins Gefängnis musste. Petersen starb am 1. April 2006 und wurde in Kreuzberg beigesetzt. Mit Petersen verschwand eine Ausnahmepersönlichkeit Westberliner Provenienz, deren Einfluss nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Sein Nachlass wird von der Akademie der Künste Berlin betreut, die hoffentlich mit Hansen die wichtige editorische Aufbereitung von Tage- und Textbüchern fortsetzen wird. Matthias Reichelt

Kommunale Galerie, Hohenzollerndamm 176; bis 19. 7. Di-Fr 10-17 Uhr, Mi 10-19 Uhr, So 11-17 Uhr.

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