Avi Mograbi : Augustversehrt

Er gilt als der wichtigste Dokumentarist Israels: Avi Mograbi erhält den Konrad-Wolf-Preis.

Kerstin Decker
Mograbi
Avi Mograbi -Foto: AFP

Seine Filme sind wie ihre Titel: „Wie ich lernte, meine Angst zu besiegen und Arik Scharon zu lieben“. Wer da an einen Kubrick-Streifen denkt, übernimmt selbst die Verantwortung. Vielleicht ist es das, was Mograbi will: Es fällt auf jeden selbst zurück, was er aus seinem Kino lernt.

Mograbi gilt als der wichtigste Dokumentarist Israels. Im Mittelpunkt eines guten Dokumentarfilms, weiß der Regisseur, steht dieser selbst. Darum kommt in fast allen Mograbi-Filmen vor allem einer vor: Avi Mograbi. Sein letzter Film heißt „Z 32“ und porträtiert einen Elitesoldaten der israelischen Armee. Dazu macht der 1956 in Tel Aviv Geborene Hausmusik in seinem Wohnzimmer. Ja, Mograbi ist eine große Verlegenheit für alle Oberseminaristen des Kinos wie des Lebens. Für den Rest ist er eine Hoffnung. Die Akademie der Künste verlieh Avi Mograbi nun für „Z 32“ den Konrad-Wolf-Preis.

Mograbi tritt vor und bedankt sich bei der Akademie für den Mut, ihren Preis in die Hände „eines total Gescheiterten“ zu legen. Wie geht das zusammen, so viel Selbstnüchternheit und so viel Selbstaufmerksamkeit? Man sollte erwähnen, dass Mograbis Geburtstag auf das Gründungsdatum des Staates Israel fällt, für alle Araber Gedenktag der Urkatastrophe. Solche Symbolik kann das Dasein verunsichern. Mograbis Filme sind mit ihrem Witz und ihrer Beobachtung eine Art Höflichkeit der Verzweiflung. Sie sind Durchhalteversuche angesichts einer Lebenswirklichkeit, in der jede Seite anders unrecht hat.

Unvergessen sein wunderbar skurriler, bös-komischer Film „August“, in dem er ein Psychogramm seines Landes in ebendiesem Monat erstellt. Der vergleichsweise Normalste unter allen Augustversehrten ist noch immer der Regisseur selbst, der zugleich seine Frau, sich selbst und seinen Produzenten spielt.

Und nun also die Geständnisse eines Mörders mit Hausmusik. Der junge Mann trägt digitale Masken. Die Akademie-Direktorin der Sektion für Film- und Medienkunst Jutta Brückner erinnert in ihrer Laudatio an die Denkmäler des unbekannten Soldaten: Der „unbekannte Soldat“ des 21. Jahrhunderts wird ein Maskenträger sein. Er ist der nette Junge von nebenan und eine Kriegsmaschine. Der Soldat spricht mit seiner Freundin, die Instrumente in Mograbis Wohnzimmer vermehren sich. Was man weder verurteilen noch rechtfertigen kann, davon muss man singen. Und Mograbi singt, mit Brecht und Weill als Paten in Geist und Noten.

Es ist niemals leicht, sich nicht dumm machen zu lassen von den Verhältnissen. Was auf die geistig Arglosen wie Selbstverliebtheit wirkt, ist das Gegenteil. Hoffnung ist immer bei den Einzelnen. Und dieser Regisseur weiß, dass die „Objektivität“ eine Lüge ist, obwohl unser Fakten!-Fakten!-Fakten!-Zeitalter das Gegenteil suggeriert. Es führt kein Weg ins Objektive, es sei denn quer durchs radikal Subjektive. Kann jemand bescheidener sein als Avi Mograbi? Kerstin Decker

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