Avignon-Festival : Angst hat Zukunft

Der Schlaf der französischen Künstler: Bilanz des Festivals von Avignon.

Eberhard Spreng

Der König tanzt. Und wenn er nicht tanzt, dann scheint er in seinem langen Mantel über die Bühne zu schweben. Dieser Richard der Zweite, den der Film- und Theaterschauspieler Denis Podalydès im Papstpalast vorführt, ist ein verspieltes und etwas verwirrtes Kind, dem die Krone so schwer wird, dass er sich nach jedem Auftritt am Rand der Bühne mit gesenktem Haupte niedersetzt. Kaum haben sich Henry Bolingbroke und Thomas Mowbray den Fehdehandschuh hingeworfen, rennt der auf Aussöhnung versessene König zwischen den auf der weiten leeren Bühne auseinanderweichenden Kontrahenten hin und her, um schließlich allein in der Mitte zu verharren. Und kaum ist die Verbannung der Streithähne ausgesprochen, verfällt dieser König wieder in einen ausschweifenden Walzertanz, bei dem ihn ein an einem Seil quer über die Bühne schwebender und sich drehender Scheinwerfer begleitet.

Der Starbeleuchter André Diot hat diese künstliche Sonne aufgehängt, der Tonmeister André Serré sorgt mit neuer Technik für die positionsgenaue Verstärkung der Schauspieler auf der Bühne. Und auch die Schauspieler könnten für großes Papstpalast-Theater sorgen, gäbe es für den Regiestuhl eine angemessene Besetzung. Aber da ist nur Jean-Baptiste Sastre, der den Akteuren das Deklamieren der neuen Übersetzung überlässt. Dabei rettet sich jeder, wie er kann.

Vincent Dissez spielt einen überbordend physisch agierenden Bolingbroke, Nathalie Richard eine zart verträumte Königin. Erst ganz am Ende, wenn die Aufführung schon nicht mehr zu retten ist, zeigt Podalydès ergreifende Momente der Entsagung, berührende Momente des Welt- und Ich-Verlustes. Die Krone ist nach den allzu riskanten politischen Manövern verspielt, der zuletzt machtmüde König verfällt in Melancholie.

1947 war Shakespeares „Richard der Zweite“ einmal Gründungsdrama des ersten Festivals in Avignon, 63 Jahre später fehlt der Funken, der zwischen Epoche und Tragödie überspringen müsste. Das ist in Avignon in diesem Jahr symptomatisch: Die Franzosen verpassen ihr Rendezvous mit der Geschichte.

Wo Welt und Ich zusammenkommen müssten, floppte das französische Programm, wo das Ich sich seine kleine Welt selbst erfindet, feiert es Erfolge. Olivier Cadiot, neben Christoph Marthaler einer der beiden „Artiste Associé“ in diesem Jahr, kollagiert Reales und Irreales, Vergangenheit und Gegenwart, Triviales und Metaphysisches. In seinem freien Fabulieren wird man eine kohärente Geschichte vergeblich suchen und stößt stattdessen auf humorvolle Gedankenblitze. Sein Erzähler, ein namenloses Wesen X, funktioniert dabei wie ein Welt-Ich, das zwischen sich und den Dingen, die es wahrnimmt, zwischen dem eigenen Subjekt und dem Kosmos nicht unterscheidet. Meisterschauspieler Laurent Poitrenaux bestreitet das Solo „Un Mage en Été“: Ein Fluss suggestiver Assoziationen, ein freies literarisches Spekulieren zwischen Alltagswahrnehmungen, Reflexionen, Erinnerungen. Zusammen mit ihm und dem Regisseur Ludovic Lagarde bildet der Schriftsteller Olivier Cadiot ein kongenialen Trio beim Erkunden der Grenzbereiche zwischen Literatur und Theater, ein Theater der Robinsonaden, bei denen Welt nur noch im Gehirn stattfindet.

Soll hingegen die weite Welt des klassischen Dramenrepertoires ausgelotet oder gar für das politische Debakel einer in Korruption versinkenden Sarkozy-Republik fruchtbar gemacht werden, scheitern die französischen Produktionen an der eigenen Mutlosigkeit. Den Ausländern überlässt man die Reflexion über die Verhältnisse zwischen zeitgenössischem Individuum und globalisierter Welt.

Dies lotet der Deutsche Falk Richter mit dem Gastspiel „Trust“ und der neuen Arbeit „My Secret Garden“ aus, die er zusammen mit dem französischen Regisseur und Schauspieler Stanislas Nordey, basierend auf eigenen Tagebuchaufzeichnungen, realisiert hat. Anne Tismer spielt darin zwei herrliche Figuren: Eine predigt den Selbstoptimierungswahn, die andere erfindet eine pornografische Anti-Finanz-Guerilla. Die spanische Performerin Angelica Lidell untersucht in ihrer aggressiv provozierenden Show „El Año de Ricard“ an einer modernen Richard-III.- Figur das Verhältnis von Despotie und Psychose, der Flame Guy Cassiers erkundet in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ die Möglichkeiten, den großen Roman vom Ende einer Epoche für die Bühne beredt zu machen.

Christoph Marthaler stellt in der für Avignon neu entstandenen Fassung seiner Wiener Arbeit „Schutz vor der Zukunft“ zwischen der faschistischen Auslesepolitik und der modernen Biotechnik erschütternde Verbindungen her. Für diese bedankt sich das Publikum in Avignon mit Standing Ovations.

Wo aber ist der französische Beitrag zur Reflexion über die Lage des zeitgenössischen Individuums? Avignon müsste vor allem auch mit eigenen Produktionen starke politische Akzente setzen. Da sich das Festival immer wieder gerne darauf beruft, seit seiner Gründung in den Nachkriegsjahren und nach Faschismus und Kollaboration das Theater der Republik rehabilitiert zu haben, muss es sich auch an diesem Erbe messen lassen.

Zwar hat man in Flugblättern, einer Demonstration und Erklärungen vor der ersten Premiere im Palais des Papes auf bedrohliche Mittelkürzungen hingewiesen, auf eine Kulturpolitik der absichtlichen Verunsicherungen und Verängstigungen, zwar lösen mutwillige Besetzungsentscheidungen der Sarkozy-Administration in der Kulturszene Skandale aus, aber ästhetische, politische, dramaturgische Positionen, gar des Widerstandes, lässt das Festival in diesem Jahr nicht erkennen.

Warum? Kritiker mit republikanischem Herzen sprechen bereits davon, dass der Präsident ein System errichte, für das man Versailles als historisches Vorbild heranziehen muss, ein System, das nicht künstlerische Meriten, sondern Privilegien kennt und seine Mitglieder von Staatsbürgern in Höflinge und Kurtisanen verwandelt. Das Endergebnis wäre dann eine gedankenlose Kultur der Unterhaltung, im Zaum gehalten von der systematisch errichteten Herrschaft der Angst.

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