Avignon-Festival : Eine Welt von Lügen

Europa, der Nahe Osten und die Krise – eine Bilanz des Festivals von Avignon.

Eberhard Spreng

Ein Theater der Krisen und der Kriege präsentierte das Festival d’Avignon in diesem Jahr und zugleich ein Theater, das zwischen Beirut und Ottawa, zwischen Kairo und Buenos Aires Formen der Erzählung auf der Bühne erforscht. Mit wechselnden Ergebnissen, denn wo Wajdi Mouawad als „Artiste Associé“ mit unverhohlener Fabulierlust und seinem Theater der narrativen Opulenz vor allem junge Zuschauer für das Theater gewinnt, kommen andere über den pädagogischen Gestus nicht hinaus.

Joël Jouanneaus Antikenprojekt „Sous l’Oeil d’Oedipe“ will Thebens Untergang, den allmählichen Verfall einer Stadt und ihrer Herrscher als einen großen Verblendungszusammenhang erzählen, als ein Drama des Nichts-Sehens. Und so, als solle uns all das, was die Figuren untereinander nicht begreifen, überdeutlich vor Augen gestellt werden, blickt der Zuschauer in der Arena von zwei parallelen Rängen auf den breiten Spielfeldstreifen, wo es ein Verbergen in Kulissen und ein Spiel mit Requisiten und anderem Beiwerk nicht geben kann. Ein stolzer König Oedipus bekommt hier von einem alten Mann Besuch. Es ist der Stadtgründer Kadmos, der Gründervater Thebens, der hier, in der gut dreistündigen Aufführung als mythologische Allegorie immer wieder ins Spiel eingreift. Aber eine Instanz fehlt: der Chor, der vor der Hybris der Mächtigen warnt, vor der Rache der Götter, der von den Plagen erzählt, die Theben heimsuchen. Jouanneau hat die von Ödipus zu Antigone reichende Geschichte aufs Menschenmaß der Neuzeit heruntergeholt und aus den Tragödien ein Drama gemacht.

Wo Jouanneau in seiner sehr freundlich aufgenommenen, klaren und strengen Inszenierung im Fahrwasser klassischer Antiken-Inszenierungen bleibt, hat der Filmregisseur Christophe Honoré in seinem „Angelo, Tyran de Padou“ in einer milde postmodernen Inszenierung melodramatische, burleske und expressionistische Elemente gemischt. Seine Realisierung des frühen Stücks von Victor Hugo um Liebe, verborgene Türen, Gift und Eifersucht spielt unterhalb eines zweigeschossigen Stahlgerüsts, in dem sich zwei mit billigen Art-Deco-Imitationen vollständig ausgestattete Innenräume von den Seiten her in die Mitte schieben lassen.

Filmstudio, Making-of und szenische Wirklichkeit sollen sich überlagern, aber eine übergreifende Idee ist in dem Eklektizismus des Filmregisseurs und Schriftstellers Christophe Honoré nicht erkennbar. Wie gut, dass es beim diesjährigen Avignon-Festival der Erzählformen noch den 86-jährigen Claude Régy gab, der all das, was man dem französischen Theater immer vorhält – Vernarrtheit ins literarische, statuarische Aufsagetheater, hehre Rhetorik – als sinnmächtige formvollendete Kunst präsentiert. Eineinviertelstunden steht Jean-Quentin Châtelin im bläulichen Dämmerlicht völlig bewegungslos auf einem Steg vor einer neblig-schimmernden Wand und spricht Fernando Pessoas „Meeresode“, Tagtraum und Reise einer von ihren erotischen Fantasien geplagten Seele hinein in das Unendliche des Meeres und seine unkontrollierbaren eigenen Gesetze. Nichts wird gezeigt, alles tritt dem Zuschauer auf der Bühne der eigenen Imagination vor Augen, so als sähe er, während er auf die fahle Bühne mit dem Erzähler blickt, in die Fantasiewelten des berühmen portugiesischen Autors.

Das intelligenteste spielerische Experimentieren mit Erzählformen kam von den Libanesen Lina Saneh und Rabih Mroué, deren Foto-Romanze in Avignon uraufgeführt wurde, bevor sie im kommenden Winter auch in Berlin gastiert. Verschiedene Erzählebenen, Fiktion und Realität ineinander verwebend, zeigen sie eine Beiruter Romanze in Anlehnung an den Ettore-Scola-Film „Ein besonderer Tag“ und erzählen zugleich von der tiefen politischen Zerrissenheit der libanesischen Gesellschaft. Ergänzt durch ein Filmprogramm und eine Ausstellung, blieb indessen der Nahost-Schwerpunkt des Festivals insgesamt ohne Zusammenhang. Auch da, wo europäische Künstler sich mit aktuellen Krisenproblemen und vor allem der Finanz- und Wirtschaftkrise beschäftigen, blieben die Ergebnisse unter dem Niveau, das die Kunst angesichts des historischen Umbruchs eigentlich erreichen müsste, um politisch wirklich erhellend zu sein.

Christoph Marthalers Wiener Endzeitmeditation „Butzbach, eine Dauerkolonie“ wurde zwar sehr positiv aufgenommen, aber ihre bitter-ironischen Ratschläge zur Krise ließen ebenso wie Pippo Delbonos „La Menzogna“ (Die Lüge) eine klare politische Stoßrichtung vermissen. Die Inszenierung des italienischen Ausnahmekünstlers, in der sich wie immer Tanz, politisches Kabarett und pathetisches Bildertheater verbinden, beginnt mit dem Brand einer veralteten Thyssen-Krupp-Fabrik und dem Tod von sieben Arbeitern, gleitet dann aber schnell in ein privat empfundenes Leiden am entfesselten Kapitalismus ab, in dem Lüge und Selbstbetrug zur Normalität werden. Ich und Welt, das ist bei dem aidskranken Pippo Delbono eins, und das Theater wird zu einer düsteren Prozession seiner Lebensdämonen.

Als am Donnerstagabend die letzte Aufführung im Papstpalast, Johan Simons und Paul Koeks laute, varietéhafte und schlampig gearbeitete Version von Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ mit Buh-Rufen verabschiedet wurde, war längst amtlich, dass diese Festivalausgabe außer den berührenden Arbeiten von Wajdi Mouawad fast durchgängig die in Avignon gewohnte Qualität nicht erreicht hat.

Das Festival wird mehr tun müssen, um seine traditionelle Sonderstellung im europäischen Festspielbetrieb zu erhalten. Im kommenden Jahr steht dafür neben dem französischen Autor Olivier Cadiot dann Christoph Marthaler als „Artist Associé“ ein.

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