Axel Hacke : "Für die eigenen Kinder ist man immer Instanz"

„Wofür stehst du?“, fragt sich Axel Hacke in seinem neuen Buch. Der Tagesspiegel führt mit dem Journalisten ein Gespräch über Werte und Väter.

Dialogbereit. Axel Hacke.
Dialogbereit. Axel Hacke.Foto: ddp

Herr Hacke, Sie haben mit Giovanni di Lorenzo das Buch „Wofür stehst du?“ geschrieben, in dem Sie die eigenen Werte und Haltungen befragen. Ist das auch ein Appell an die Zeitgenossen: Zurück zum Wesentlichen?

Schon. Indem wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen, fordern wir ja auch andere auf, sich mal wieder damit zu konfrontieren. Falls sie es nicht ohnehin schon tun, solche Leute soll es ja auch geben.

Sie sind seit 25 Jahren mit di Lorenzo befreundet. Konnten Sie einander während dieser Gespräche dennoch überraschen?

Das war einer der spannendsten Aspekte an diesem Austausch. Dinge zu erfahren, die wir voneinander nicht wussten. Giovanni wusste zum Beispiel gar nicht, dass ich bei der Bundeswehr gewesen war. Und ich kannte viele Geschichten von seiner italienischen Familie nicht, obwohl wir so lange befreundet sind. Über diese Arbeit haben wir plötzlich viel Persönliches voneinander erfahren, und ohne diese Offenheit wäre das Buch auch nicht möglich gewesen. Es ist ja nicht interessant, wenn man nur allgemein über die Themen Werte oder Generation bramarbasiert.

Sie schreiben, Sie hätten bisweilen mehr preisgeben müssen, als Ihnen lieb war. Wo haben Sie die Grenze gezogen?

Die Grenze ist da erreicht, wo man von Menschen erzählen würde, die das nicht wollen. Oder dort, wo es in irgendwelche tiefinnerlichen Befindlichkeiten ginge, in psychoanalytisch erfahrbare Zustände. Davon ist in diesem Buch nicht die Rede. Es geht um innere Zustände in Bezug auf andere Menschen, auf die Gemeinschaft. Das sind ja Wertefragen.

Sehr offen erzählen Sie vom schwierigen Verhältnis zu Ihrem Vater. War das nur möglich, weil er bereits gestorben ist?

Ja, und ich glaube, das geht vielen Autoren so. Uwe Timm konnte das Buch über seinen Bruder und seinen Vater auch erst schreiben, weil die schon gestorben waren. Viele Dinge, die ich über meinen Vater schreibe, hätte ich lieber mit ihm besprochen. Leider war das nicht möglich. Erstens, weil mein Vater relativ früh gestorben ist, und zweitens, weil es die Ebene dafür nie gab. Mein Vater gehörte dieser traumatisierten, nicht sprechfähigen Kriegsheimkehrer-Generation an. Wie soll man ein Gespräch mit jemandem beginnen, der nicht reden will? Damit war ich überfordert. Heute wäre ich es vielleicht nicht mehr.

War das Schreiben darüber eine Befreiung?

Ja, wenn man solche Dinge, die einen früher eher unbewusst bedrückt haben, in einen Text verpacken kann, dann sind sie aus einem raus, dann ist man freier davon. Trotzdem – abseits aller religiösen Fragen habe ich immer noch den ganz naiven Kinderglauben, dass man sich irgendwann wiedersieht. Ich habe das Gefühl, eines Tages stehe ich meinem Vater gegenüber und er fragt mich: Wie konntest du so persönliche Dinge über mich preisgeben? Das ist etwas, das schwierig bleibt.

Sie sprechen aber auch von einer Vaterliebe, die sogar die Verachtung der eigenen Kinder aushielt.

Das geht zurück auf die Zeit meiner Pubertät, in der ich maßlos gegen meinen Vater rebelliert habe, lange Haare bis zum Gürtel hatte und nie im Leben eine Krawatte getragen hätte. Trotzdem hat mir mein Vater einen Job in seinem Büro verschafft, wo alle seine Mitarbeiter jeden Tag gesehen haben: der Sohn vom Hacke sieht aus wie ein Gammler, wie man damals sagte. Das ist mir beim Schreiben erst klar geworden, dass man Vater da eine innere Solidarität zu mir hatte. Ein sehr rarer Moment, wo ich seine Liebe in aller Sprachlosigkeit gespürt habe.

Bleiben die Eltern Instanz über den Tod hinaus?

Das ist ja das Schwierige daran, wenn man selber Vater ist. Man weiß, man wird auch für die eigenen Kinder immer Instanz sein, wie verhält man sich da? Das ist ein unglaublicher Druck. Und die Fehler zu sehen, die man macht, ist schrecklich. Ich weiß, dass ich gegenüber meinen Kindern vieles falsch gemacht habe, und das einzige, was hilft, ist, sich klarzumachen, dass Fehler zum Leben dazugehören.

Ist es das Schlimmste, wenn man sieht, wie Kinder die eigenen Fehler wiederholen?

Es gibt es ja die Möglichkeit, mit ihnen darüber zu reden. Das unterscheidet unsere Generation gravierend von der unserer Eltern. Ob man die Möglichkeit auch wahrnimmt, ist eine andere Frage. Aber es gibt heute jede Menge Angebote, die unsere Eltern nicht hatten. Ich bin in meinem Leben wenigen Menschen begegnet, die eine Therapie nötiger gehabt hätten als unsere Väter. Aber das war undenkbar damals. Selbst für mich – ich bin jetzt Mitte 50 – war es vor vielen Jahren eine gigantische Überwindung, etwas zu beginnen, das Psychotherapie oder Psychoanalyse hieß, und über mich selbst sprechen zu lernen.

Inwiefern berührt das Wertefragen?

Bei Werten denkt man zunächst vielleicht an Ehrlichkeit, an Tugenden, Selbstverständlichkeiten also. Es hat sich aber gerade in der Arbeit an dem Buch herausgestellt, dass Kommunikation für mich ein Wert ist. Auch weil ich Kommunikationslosigkeit kennengelernt habe.

Sie bekennen, dass Ihnen heute die Familie wichtiger ist als die Beschäftigung mit Politik. In dem Punkt scheint der größte Dissens mit di Lorenzo geherrscht zu haben.

Nicht wirklich ein Dissens, sondern einfach ein Unterschied in der Haltung. Giovanni ist schon vom Beruf her dauerhaft mit Politik beschäftigt, und ich habe mich beruflich davon wegentwickelt. Ich war ja mal politischer Journalist und bin es heute nicht mehr. Natürlich lese ich noch Zeitung, natürlich versuche ich, meinen staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen, aber das nimmt mich alles innerlich nicht mehr so mit wie früher.

Schließen sich Familienleben und politisches Engagement aus?

Nicht notwendigerweise. Aber es ist natürlich eine Zeitfrage. Ich zum Beispiel arbeite relativ viel. Mein Vater ist abends nach Hause gekommen, hat sich ins Wohnzimmer gesetzt, Zeitung gelesen und die Nachrichten gesehen. Wenn ich nach Hause komme, muss und will ich mich erst mal mit meiner Familie beschäftigen. Irgendwann fehlt ja auch die Zeit, sich umfangreich zu informieren. Ich bin abends zu müde, um mir noch bis Mitternacht eine politische Talkshow anzusehen. Das habe ich schon gemerkt, als ich mich damals zusammen mit Giovanni und vielen anderen in München an der Organisation einer Lichterkette gegen Rechtsradikalismus beteiligt habe – wie wahnsinnig energiezehrend das war, sich neben dem damals besonders anstrengenden Familienleben auch noch um diese politische Aktion zu kümmern.

Der Alltag frisst den Idealismus. Gibt es Erkenntnisse, die Sie beim Schreiben gewonnen haben und ins praktische Leben retten konnten?

Wenn wir beim Kapitel über Politik bleiben, in dem Giovanni und ich ja auch ein bisschen Pingpong spielen, der eine, also ich, seine Abwendung von der Politik schildert und der andere dagegen anschreibt und sagt: Das kannst du doch nicht machen! Da habe ich, wenn auch erst beim Wiederlesen des eigenen Buches, so viel Selbsterkenntnis gewonnen, dass ich sage: Er hat schon recht.

Das Gespräch führte Patrick Wildermann. – Buchpremiere mit Giovanni di Lorenzo und Axel Hacke im Berliner Ensemble am heutigen Mittwoch, 13.10., 20 Uhr. „Wo stehst du?“, Kiepenheuer & Witsch, 230 Seiten, 18,95 €

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