Kultur : Axt im Eis der Großstadt

Andreas Schäfer auf der Suche nach STRASSENMUSIKERN

Andreas Schäfer auf der Suche nach

Was ist ein Straßenmusiker? Jemand, der in die U-Bahn kommt und mit dem ersten Akkord die Fahrgäste aus ihren Gedankenwelten reißt. Jemand, der Passantengespräche zum Verstummen bringt, weil sein Saxophonklang einem ansatzlos ans Herz greift. Jemand, vor dem sich plötzlich Menschentrauben bilden. Kurz gesagt, ein Straßenmusiker, der seinen Job versteht, ist ein Meister des Moments. Die Axt im Eis der Großstadtblasiertheit. Ein Straßenmusiker erscheint. Aber kann man diesen Moment auch erzwingen?

Der DJ, Musiker, Labelbegründer und Hochschullehrer Eric D. Clark sitzt zusammen mit seinem Assistenten Paul Bräuer in der Kreuzberger Morena-Bar. Clark ist Kurator der „Gala der Straßenmusik“, die heute Abend im Haus der Kulturen der Welt stattfindet (ab 21 Uhr). Morgen ist der Tag der Deutschen Einheit. Da hat man sich gedacht, dass man eine multikulturelle „Nacht der Vielfalt“ ausrichten könnte, und für die dazugehörige Gala sind Clark und Bräuer seit Wochen in der Stadt unterwegs und sprechen Straßenmusiker an – wenn sie welche finden. Die Hälfte des Programms steht schon, obwohl einige Musiker abwinkten, als sie das Wort „Gala“ hörten, oder inzwischen weitergezogen sind, wie die New Orleans-Band, die mit einem Fahrrad durch die Welt tourt.

Aber ein sorbisches Duo namens „Berlinska Droha“ wird auftreten, die Swingband „Djanovis“ ist mit selbst gebauten Instrumenten dabei, der Chinese, der auf einer Kniegeige spielt. Bei dem Gitarristen, der singt wie Tom Waits, ist sich Clark noch nicht sicher. Er hätte lieber eine Gruppe mit Trommeln, etwas Kraftvolles, bei dem der nomadische Geist der Straße spürbar wird. Deshalb will er noch einmal die Hotspots der Straßenmusik abklappern. Auf dem Weg zum Kottbusser Tor erzählt Clark, dass er selbst Nomade ist. Er kommt aus San Francisco, wohnt in seinem Kreuzberger Büro und ist auf dem Sprung nach Frankfurt, wo er Seminare gibt. Am Alexanderplatz steht dann tatsächlich ein junger Mann mit Gitarre, aber seine Stimme ist so dünn, dass Clark weiterläuft. Genauso wie an der Sängerin mit den schwarz geschminkten Augen, die in dem Tunnel am U-Bahnhof Stadtmitte auf einem Höckerchen sitzt. „Hey“, sagt Bräuer, als sie an ihr vorüber sind. „Klingt doch interessant.“ Eric D. Clark murmelt etwas von „Percussion“. Ein Informant ruft an. Am Hackeschen Markt soll jemand sein. Aber als wir dann ankommen, ist er nicht mehr da. Ich gehe. Eine Stunde später ruft Bräuer an. „Wir haben jemanden.“ Die Trommelgruppe? „Nein, einen Pakistani, der auf der Mandoline Songs der Bee Gees spielt. Großartig.“

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