Kultur : Aztekentanz

Zweite Runde im Streit um Vivaldis Oper „Motezuma“

Frederik Hanssen

Antonio Vivaldi, der geschäftstüchtige Venezianer, hätte den Casus wahrscheinlich mit Wohlwollen beobachtet: Ein Rechtsstreit um die Aufführung seiner Azteken-Oper „Motezuma“ – eine bessere Publicity lässt sich kaum vorstellen! Vor Gericht stehen sich derzeit die Sing-Akademie zu Berlin und der „Düsseldorfer Altstadtherbst“ gegenüber: Das Festival in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt will eine Inszenierung von Vivaldis Oper zeigen. Das aber hat der Chor per einstweiliger Verfügung verbieten lassen, weil er die Aufführungsrechte für sich reklamiert und die erste Produktion von „Motezuma“ seit 1733 einem anderen Theater versprochen hat (vgl. Tagesspiegel vom 6. und 12. Juli).

Der Dirigent der Produktion, Federico Sardelli, gab sich allerdings nicht geschlagen und legte Berufung ein. Am 15. August befasst sich das Düsseldorfer Oberlandesgericht erneut mit dem Fall. Sollte der „Altstadtherbst“ wiederum unterliegen, wird das Festival finanziell in Bedrängnis kommen, weil dann eine 50000-Euro- Förderung der Kulturstiftung des Bundes zurückgezahlt werden müsste. Wird die Aufführungsserie im September aber von den Richtern gestattet, könnten auf die Sing-Akademie auch Schadenersatzforderungen eines Festivals im toskanischen Barga zukommen. Hier sollte im Juli Uwe Schmitz-Gielsdorfs Inszenierung des „Motezuma“ herauskommen. Nach der einstweiligen Verfügung reagierte man in dem Städtchen in der Nähe von Pisa mit einem Trick: Weil auf dem Libretto kein Urheberschutz liegt, präsentierte man die Geschichte kurzerhand nicht mit der Originalpartitur, die der Musikwissenschaftler Stefan Voss 2002 im Archiv der Sing-Akademie entdeckt hatte, sondern mit „unstrittiger“ Musik – nämlich mit Arien aus anderen Vivaldi-Werken.

Ein weiterer Leidtragender des Rechtsstreits meldete sich jetzt zu Wort: Bei der Berliner Singakademie gehen wütende Emails und Protestbriefe in Sachen „Motezuma“ ein – Post, die eigentlich für die Sing-Akademie zu Berlin bestimmt ist. Durch die Teilung der Stadt gibt es zwei nahezu namensgleiche Chöre: Während sich die 1963 im Ostteil gegründete Singakademie unter Leitung von Achim Zimmermann als einer der interessantesten Laienchöre der Stadt profiliert hat, war von der 1793 ins Leben gerufenen Sing-Akademie zuletzt künstlerisch kaum etwas zu hören. Ein Zusammengehen scheiterte bislang daran, dass die Amateure aus dem Westen nur dann in den Gesang ihrer Ostberliner Kollegen einstimmen wollten, wenn sich diese als Singakademie auflösen und der Sing-Akademie beitreten.

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