Kultur : "Azurro": Gute Menschen

Silvia Hallensleben

Filme mit anständigen Menschen haben meist soziale Themen. Selten sind die anständigen Menschen dabei Politiker oder Fabrikbesitzer, eher schon Kleinkriminelle oder Nutten. Man nennt sie dann gerne sympathische Loser. Auch Giuseppe, der Held von "Azzurro", ist so ein Verlierer. Dreißig Jahre hat er in der Schweiz im Straßenbau geschuftet, dabei sogar einen neuen Baustoff erfunden, der den Chef reich gemacht hat. Jetzt hat er sich in der apulischen Heimat zur Ruhe gesetzt. Giuseppe hat auch eine Enkelin, ein kleines Mädchen. Carla ist blind, eine Operation könnte ihr Augenlicht retten. Doch die Warteliste ist lang, und dem zuständigen Chirurgen zittern beim Vorgespräch die Hände. Guiseppe muss etwas unternehmen: Nur die Schweiz könnte helfen. Also hinfahren und dort irgendwie Geld auftreiben, vielleicht vom Ex-Chef. Es ist eine Reise in eine verlorene Welt, die Großvater und Enkeltochter unternehmen. Denn auch Genf ist nicht mehr, was es einmal war. Oder sieht Giuseppe das jetzt nur anders? Doch es gibt noch Freunde aus alten Tagen. Und selbst der bauunternehmende Ex-Chef ist hier ein guter Mensch. Nur nützt das nichts, weil der mittlerweile in der Psychiatrie einsitzt und eine Spielzeugarmee befehligt. Auch Geld macht eben nicht glücklich.

Eine beklemmende Menschlichkeitsduselei wabert durch diesem Film. Vom Leben der Arbeitsmigranten aber erzählt "Azzurro" wenig. Natürlich ist der alte Herr sympathisch. Darsteller Paolo Villagio ist in Italien ein Kabarettstar. Natürlich hatte Giuseppe auch ein Verhältnis mit des Bauunternehmers Frau. "Azzurro", eine schweizerisch-italienisch-französische Koproduktion unter Regie des Schweizer Regisseurs Denis Rabaglia, hat einige Preise gewonnen (unter anderem den Schweizer Filmpreis für den besten Spielfilm), was ein wenig ratlos macht. Denn der Film sieht zum Ende hin immer stärker so aus, als sei er aus dem Euro-Baukasten für dramaturgische Standardsituationen zusammengeschraubt. Dass am Ende auch noch eine sentimentale Familienzusammenführung stattfindet, macht die Sache nicht schöner. Aber vielleicht wollte man in der Schweiz und anderswo ja die Beschäftigung mit der "Gastarbeiter-Problematik" würdigen. Doch der Konsens der Anständigen bringt in der Kunst nicht weiter. Da sind uns ein paar Kleinkriminelle lieber.

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