Kultur : "B-52": Wie ich lernte, den Bomber zu lieben

Stefan Reinecke

Wir haben uns in den 90ern wieder daran gewöhnt, dass Technik eigentlich eine gute Sache ist. Die Computer wurden immer besser und billiger, so verdampften langsam die apokalyptischen Ängste der 80er. Tschernobyl und Pershings verschwanden aus unserer Symbolwelt, die Gleichung von Großtechnologie und Destruktion wurde aus dem kulturkritischen Kanon gestrichen.

Hartmut Bitomskys Dokumentation über den amerikanischen Langstreckenbomber B-52 zeigt, dass dieser Wandel auf Vergesslichkeit beruht. Die B-52 symbolisiert viel, sehr viel: die globale Hegemonie der USA, die technische Überlegenheit des Westens, und dessen Hybris. Und sie zeigt, dass unser ziviler Alltag unsichtbar mit dem Militärischen verkoppelt ist. Ohne die B-52 wäre der Fortschritt der zivilen Luftfahrt anders, langsamer verlaufen.

Die B-52 ist ein technisches Wunderwerk - seit fünfzig Jahren im Einsatz, mehrfach umgerüstet, sogar zum Tiefflug in Vietnam. Vielleicht, sagt ein US-Militär, fliegt sie noch bis 2037. Bitomsky, Essayfilmer und Professor für Film in Kalifornien, zeigt die routinierten Handbewegungen der Piloten. Wir sehen, wie die Maschinen gewartet werden und dass das Militärische vor allem ein Arbeitsplatz ist. Auch moderner Hightech-Krieg ist zum Gutteil Handwerk. Danach sehen wir die Ideologen der Abschreckung: Eine Art Schlachtenmaler der Air Force verklärt in ein paar dialektischen Purzelbäumen den Bomber zum "Symbol des Friedens". Ein US-Militär sagt: "Dank der B-52 können wir überall auf der Welt eingreifen, auch ohne Stützpunkte". Wir sehen einen Piloten, der über Vietnam 2,2 Millionen Kilo Bomben abwarf. Und die Folgen: die Trümmerlandschaft in Hanoi 1972. Perspektive von oben, Perspektive von unten. Ein vietnamesischer Mig-21-Pilot erklärt, warum man zwei Raketen brauchte, um die B-52 abzuschießen. Wenn sie abstürzten, dauerte das lange, so hoch flogen sie. Und der Himmel über Hanoi wurde rot.

Bitomsky vermeidet die bei dem Thema handelsübliche Moral. Er fragt weniger: Was bedeutet es. Eher: Wie sieht es aus? Wie funktioniert es? Das ist so etwas wie ein materialistischer Blick. Deshalb ist "B-52 " ein realitätgesättigter Film, der mehr ist als die Illustration von Meinungen.

Irgendwo in der Wüste von Arizona liegen Hunderte von alten B-52-Bombern. Lange schaut die Kamera auf die Metallkörper. Immer wieder saust ein tonnenschweres Beil auf den Flugzeugleib, wie eine Guillotine. Das sieht aus wie eine Hinrichtung. Die Vernichtung, die sie anrichten, sieht man noch in ihrer Zerstörung, sagt Bitomsky aus dem Off. In "B-52" kann man sehen, dass alle Kultur auf Gewalt fußt.

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