Kultur : B-mail for you - der neue Film mit Kevin Costner ist eine Art Gesamtkitschwerk

Silvia Hallensleben

Man mag sagen, was man will. Das Melodram lebt. Es hat sich nur ins tiefste Hollywood zurückgezogen, wo tapfere Drehbuchschreiber immer noch versuchen, die böse neue Welt mit Großmutters home-cooking in den Griff zu bekommen. Oder liegen die entsprechenden Muster schon längst als Anklick-Software vor?

Eine derzeit populäre Technik: Stadtfräuleins kommen mit Landburschen im Rahmen idyllischer Natur zusammen (was notfalls auch umgekehrt funktioniert wie in "Runaway Bride", mit Julia Roberts und Richard Gere demnächst im Kino). Hier und jetzt ist der Pferdeflüsterer ein "geheimnisvoller Segelbootbauer" und sie eine "wunderschöne melancholische Redakteurin". Spielorte: Chicago und Wilmington, ein Fischerdorf an der Küste North Carolinas.

Bootsbauer Garret hat sich nach dem frühen Tod seiner heißgeliebten Ehefrau in die Vergangenheit zurückgezogen. Dabei ist er ein doch ansehnlicher Kerl, der sogar kochen kann (wer anders als Costner könnte ihn geben?). Nur, wie kriegen wir die Redakteurin ans Meer? Ganz einfach, mit Hilfe von Flaschenpost-Botschaften, die mindestens so geheimnisvoll sind wie drei Segelbootbauer zusammen. Also findet sie (Robin Wright Penn) solche Post eines schönen Morgens joggend am Strand. Ein Liebesbrief! Nach dem Urlaub bringt die Redakteurin ihn erregt bei der Zeitung, der Chicago Tribune, vorbei. Der Chef macht gleich eine Kolumne draus. Doch die wunderschöne Journalistin braucht auch, weil schuldlos geschieden, einen neuen Mann. Schicken wir noch ein, zwei B-Mails hinterher! Dann drängt das Geheimnis nach Aufklärung. Ausnahmsweise nimmt die Redakteurin den Rechercheauftrag selber wahr. Den Rest, 95 Prozent zumindest, können Sie sich selbst ausmalen. "Romantisches Dinner" mit Rotwein und Grillenzirpen. Paul Newman, der den Vater des Segelbootbauers gibt. Und viel Hin- und Hergezerre.

Regisseur Louis Mandoki ("When a Man Loves a Woman") macht aus Nicholas Sparks gleichnamiger Bestsellervorlage ein Gesamtkitschwerk voller Strandidyll, Sonnenaufgänge und mißglückter Annäherungen. Denn während viele der neuen Komödien daran scheitern, daß der Sex quasi auf der Straße liegt, leben Filme wie dieser noch vom permanenten Aufschub sexueller wie amouröser Erfüllung. Will er, kann sie nicht. Will sie, zieht er sich gerade zaudernd zurück. Und haben sie es irgendwann doch geschafft, ist das das Zeichen zum Untergang.

Wegen dieser Verzichtsdramaturgie wohl wurde der Hauptkonflikt - jener nämlich zwischen ihrem verschwiegenen Vorwissen und seiner Arglosigkeit - verdrängt und bis fast zum Ende, eben zur ersten Sexszene, aufgespart. Sie geht, na was wohl, mal duschen. Er sucht Streichhölzer . . . Bleiben die fünf nicht vorhersehbaren Prozent: Sie geben dem Film den Rest. Denn der Zuschauer wird auf billigste Art auch noch um das wohlverdiente Happy-End betrogen. Dennoch: "Message in a Bottle" hielt sich dieses Frühjahr monatelang in den amerikanischen Top Ten. Man leidet wohl gern für den moralischen Aufschwung. Ob das deutsche Publikum ebenso masochistisch veranlagt ist?In 25 Berliner Kinos; Originalversion in der Kurbel umd im Cinemaxx Potsdamer Platz

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