Kultur : Babel & Co: Bruno Preisendörfer über die Generation ohne Golf und mit Aids

Aus der Serie "Vor,Zurück"

Was ist der Unterschied zwischem dem Marien- und dem Madonnenkult? Kommt drauf an, wer singt. Und was ist der Unterschied zwischen Lolita und Pippi Langstrumpf? Eine trägt kurze Söckchen. Und was haben alle vier gemeinsam? Sie könnten ihnen heute um 20 Uhr im "Literarischen Salon Britta Gansebohm" im Podewil begegnen. Barbara Sichtermann und Joachim Scholl lesen aus ihren Büchern über 50 Frauen der Weltgeschichte und über 50 "klassische" Romane des 20. Jahrhunderts. Für ein Abendvergnügen ist also gesorgt.

Trotz eines flotten Büchleins des FAZ-Redakteurs Florian Illies gibt es Leute, die mit der "Generation Golf" braungebrannte Lebensabendler assoziieren, die forschen Schritts ihre Golfwägelchen über Mallorcas grüne Wiesen ziehen. Das Schlagwort meint aber eher die Junioren dieser Senioren, nämlich den Mittelschichtsnachwuchs der 60er Jahre, Leute also, die jetzt ganz allmählich auf die Vierzig zugehen, und die außer den typischen Seelenwehwehchen beim Erwachsenwerden keinen größeren, generationsübergreifenden Beschwernissen ausgesetzt waren. Als literarischer Stoff sind solche Lebensgeschichten ungefähr so aufregend wie das Krokodil auf dem Lacostehemd. Zu den Standardkomplimenten, die dieser Art Literatur von den Kritikern gemacht werden, gehört die inflationäre "Lakonie", die unvermeidliche "genaue Beobachtungsgabe" und natürlich das "Lebensgefühl einer ganzen Generation". Man wird sehen, ob dieses Belobigungsrepertoire der Überraschungslosigkeit auch auf "Liegen lernen", den Roman des 1966 geborenen Kabarettisten Frank Goosen angewandt wird. Ob es angemessen wäre, ist morgen um 20 Uhr in der Buchhandlung Rosenfeld (Drakestr. 35a) in Erfahrung zu bringen. Es gibt auch eine Kindheit vor dem Golf. "Das Sonnenkind", ein Roman des 1999 gestorbenen Detlev Meyer, spielt Anfang der 60er, der Held ist neun Jahre alt. Morgen um 20 Uhr wird es im Theater unterm Dach (Danziger Str. 101) vorgestellt.

Derzeit wird über einen Prozess berichtet, den internationale Pharma-Unternehmen, darunter auch Boehringer, gegen Südafrika anstrengen, um die dortige Regierung davon abzuhalten, unter Umgehung des Patentrechtes billige Medikamente für Aidskranke zur Verfügung zu stellen. Heute ab 18 Uhr 30 gibt es im Haus der Kulturen der Welt eine Diskussion über das Buch "Das Ende der Gesundheit - Bericht über die medizinische Lage der Welt" von Laurie Garrett. Auf dem Podium wird neben Peter Firmenich von der Organisation "Ärzte ohne Grenzen", die meines Wissens das Vorgehen der Unternehmen ablehnt, Andrea Fischer und anderen auch Cornelia Yzer vom "Verband Forschender Arzneimittelhersteller" sitzen. Oft haben solche Diskussionen aber nur wenig Wert, sie sind zu allgemein gehalten. Das Verbot, "persönlich" zu werden, bildet einen Schutzwall der Scheinheiligkeit um das nackte Interesse. Dabei wäre gerade bei diesen Themen ein eisiges Argumentieren "ad hominem" von größter Wichtigkeit. Damit ist nicht moralisierendes Eifern gemeint, sondern das auf Empfindlichkeiten keine Rücksicht nehmende Herausfragen von Grenzen. Wer bei solchen Themen nicht bereit ist, "persönlich" zu werden, mit dem lohnt das Gespräch nicht.

Die bisher in dieser Kolumne unternommenen Versuche, die Klassiker zu "linken", waren nicht sehr erfolgreich. Aber es gibt da noch ein Online-Projekt der "Deutschen Welle": www.goethe-bytes.de bringt eine Reihe von Netzverknüpfungen, ganz klassisch zu "Leben und Werk", aber auch zu einem Goethe-Chat-Room.

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