Kultur : Babel & Co: Bruno Preisendörfer über ungarische Folter und kurdische Killer

Den Anfang soll diesmal Frau Woolf machen. Sie fragt: "Warum sollte man sich noch damit abgeben, Rezensionen zu schreiben, zu lesen oder zu zitieren, wenn der Leser letztlich seine Frage selbst beantworten muß?" Und sie antwortet: "Wenn der Rezensent für den Autor wie für das Publikum keinerlei Wert mehr hat, erscheint es als öffentliche Pflicht, ihn abzuschaffen." Den Text, aus dem das gepflückt wurde, hat Virginia Woolf im Jahr 1939 geschrieben. Wie rappelt es heute in der Beziehungskiste zwischen Autor und Rezensent? Beim "Verhältnis", das Literaturkritiker und Schriftsteller miteinander haben, muss ich immer an eine bulgarische Folter denken: Zwei Feinde werden, die Gesichter einander zugewandt, so fest zusammengebunden, dass Nase an Nase stößt. Wenn die Folter lange genug dauert, enden beide im Wahnsinn.

In einer neuen Reihe in der Literaturwerkstatt geht es zum Glück zärtlicher zu. Da treffen Kritiker auf Autoren, deren Bücher sie lieben und loben. Heute um 20 Uhr erläutert Sibylle Cramer, warum sie Brigitte Kronauers Roman "Teufelsbrück" besonders schätzt. Einen anderen Anfang macht Frau Wolf: Mit ihrer "Kassandra" beginnt heute um 19 Uhr die Reihe "Antike und Gegenwart" in der Akademie der Künste. Die Christa Wolf-Fassung der apokalyptischen Dame wird präsentiert von Gisela Stein. Der zweite und letzte Teil der Lesung folgt morgen, gleicher Ort, gleiche Zeit. Während der Reihe mit zahlreichen Vorträgen, Theater- und Musikaufführungen, die bis Sonntag läuft, kann man eine Videoinstallation besichtigen: Panta Rhei. Nicht Panda Bao, den sehen Sie im Zoo, Panta Rhei, "alles fließt". Heraklit und so. Das ist der Typ, von dem wir wissen, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann.

Haben Sie Lust auf ein kurdisches Festessen? Stecken Sie 25 Mark ein und begeben Sie sich am Donnerstag um 20 Uhr 30 in den Festsaal Elegant in der Kreuzberger Obentrautstraße 1. Dort erwarten Sie Irene Dische und Michael Naumann, Disches verlegerischer Freund aus den Tagen, in denen der Kulturpolitiker noch Chef bei Rowohlt war. Das neue Buch von Irene Dische ist allerdings bei Hoffmann und Campe erschienen. Es heißt "Ein Job" und erzählt die Abenteuer eines kurdischen Auftragskillers in New York. Neben faden Gemeinplätzchen wie "Seufzer der Erleichterung" und "kindliche Gier" gibt es überwürzte Originalität - "Aus den Gittern im Gehweg hechelte die Stadt" - und einen verkochten Anfang: Das erste Kapitel beginnt damit, dass die kurdische Killerkanone "einige Jahre vor der Wende zum zweiten nachchristlichen Jahrtausend" in New York landet. Das es damals, kurz vor der Wende zum zweiten Jahrtausend, noch gar nicht gab. Hier konnte weder die Autorin noch das Lektorat, so es eines gegeben hat, bis drei zählen. Guten Appetit also.

Seit einiger Zeit rotten sich in den Kaufhäusern wieder die Schokoladennikoläuse zusammen. Auch im Verlagswesen nimmt man Anlauf zum alljährlichen Tannenbaumgeschäft. Auf dem monatlichen Prospekt des Rowohlt Taschenbuchverlages, dessen Deckblatt im November mit drei heiligen Königen und vier "Spitzentiteln" geziert ist, liest sich das so: "Die Kunden lächeln. Die Kassen klingeln. Es weihnachtet sehr..."

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