Kultur : Baby an Bord

Mo Hayder erzählt von einer Entführungsserie

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Sie ist Expertin für die Art von Angst, die einem das Leben zur Hölle machte, wenn man sie aushalten müsste. Mo Hayder schreibt über Elternangst: Dem Kind geschieht etwas – und die Polizei wirkt überfordert. Die britische Thriller-Autorin schafft in ihren Romanen indes viel mehr als einen starken Spannungsbogen. Ihre Opfer – in „Verderbnis“ Paare, deren Kinder entführt werden – sind nicht bloß Opfer, die in unterschiedlichen Zuständen der Hysterie leben müssen. Mo Hayder schreibt, bei aller Kälte im Umgang mit dem, was Menschen in Schrecken versetzt, warmherzig über englische Polizisten, die nichts Heldenhaftes haben.

„Verderbnis“ beginnt mit einer fatalen Fehleinschätzung: Ein Auto wird geraubt, das Kind auf dem Rücksitz gleich mit – und Inspektor Jack Caffery macht den verzweifelten Eltern Mut. Dem Räuber, meint er, sei es um das Auto gegangen. Keine 24 Stunden, und die elf Jahre alte Martha werde wieder zuhause sein. Caffery gehört zu Hayders in einer Folge von Romanen erprobten Anti-Helden: ein Mann, der als Junge Opfer eines Verbrechens wurde, einer, der nicht grob mit den Menschen umgeht. Hier sieht er sie leiden und kann nicht helfen.

Gute Thriller sind wie Labyrinthe: Sie nehmen eine mit um Ecken und Kurven und lassen Leser und Protagonisten plötzlich vor Wänden stehen. So geht es Caffery, der sich einem Verbrecher unterlegen fühlt, weil dessen Absichten unklar bleiben. Ein Kinderschänder? Möglich, aber nicht sicher. Ein Psycho-Terrorist, der Menschen in die Abgründe der Angst stürzen will? Möglich – aber warum. Und wenn ja: Legen seine Taten die Spur zu ihm? Caffery meint, es mit einem gerade teuflisch klugen Menschen zu tun zu haben, einem Spieler, dem die Irreführung des Polizeiapparates Freude macht, der klüger ist als seine Verfolger.

So geht es auch der Polizeitaucherin Flea Marley. Mo Hayder bringt diese beschädigte, leidenschaftliche Polizistin mit Caffery zusammen, immer düsterer wird diese Geschichte von gequälten Eltern und überforderten Polizisten. Manche Thriller brauchen ganz dringend ein glückliches Ende. Es nimmt „Verderbnis“ nichts von seinem Sog, wenn man sagt: Dieser gehört dazu.

Mo Hayder:

Verderbnis. Roman. Deutsch von Rainer Schmidt. Goldmann Verlag, München 2011. 447 Seiten, 19,99 €.

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