Kultur : Baby, come back

Herzlos, kinderlos: Frank Schirrmacher beschreibt in „Minimum“ das Deutschland der Zukunft

Harald Martenstein

Frank Schirrmacher besetzt in der deutschen Kultur ungefähr die gleiche Stelle, die in der amerikanischen Kultur Steven Spielberg besetzt. Er tritt als Spieler auf, man könnte auch sagen: als das ewige Kind. Er will das große Publikum, er tut scheinbar verrückte Dinge. Zum Beispiel druckt er in der „Frankfurter Allgemeinen“, deren Herausgeber er ist, seitenlang das menschliche Genom ab, was mehr mit Kunst zu tun hat als mit Information. Zum Beispiel hat er „Berliner Seiten“ der FAZ erfunden, die einige Jahre lang das beste, weil verrückteste deutsche Feuilleton waren. Zum Beispiel verkündet er, einfach so, dass in den deutschen Medien Frauen die Macht ergriffen hätten.

Das alles hat nicht unbedingt etwas mit Wahrheit oder mit Erkenntnis zu tun. Was zählt, ist The Big Picture. Was zählt, ist die Schönheit einer kühnen These. Eine gute These muss ähnlich funktionieren wie eine gute Schlagermelodie. In dem Moment, in dem das Publikum sie hört, muss es fest an sie glauben. Das sind die Spielregeln.

Jetzt hat Frank Schirrmacher zu seinem Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ eine Art zweiten Teil verfasst. Wieder geht es um die unbestreitbare Tatsache, dass die deutsche Gesellschaft im Durchschnitt immer älter wird, und dass wir weniger Kinder auf die Welt setzen als unsere Vorfahren. Die Familien werden kleiner, dann jedenfalls, wenn man „Familie" so definiert, wie es vor hundert Jahren getan wurde. Das heißt, wenn man die so genannten Patchwork-Familien nicht gelten lässt, die Ethnologen auf interessante Weise an die polygamen Sippengeflechte der Naturvölker und der vorbürgerlichen Zeiten erinnern. In „Minimum" stellt Schirrmacher die These auf, dass mit den großen, lebenslangen Familien auch das Mitgefühl und die Solidarität in der deutschen Gesellschaft schwinden. Der Staat aber kann uns immer weniger helfen, der Ersatzvater ist pleite, und zwar aus genau dem gleichen Grund, wegen der immer ungünstigeren Altersstruktur.

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Schirrmacher schildert einige historische Beispiele. Am Donner-Pass wurde 1846 ein amerikanischer Siedler-Treck monatelang vom Schnee eingeschlossen. Die alleinreisenden jungen Männer starben, trotz ihrer Körperkraft, in viel größerer Zahl als die Mitglieder von Familienverbänden. Auch bei einem Großbrand in einem Hotelkomplex (Isle of Man, 1973) haben die Familien sich in extremer Lage bewährt. Eltern retteten ihre Kinder, Ehepaare halfen sich. Freunde dagegen liefen auseinander und starben auf eigene Rechnung.

Wie der Volksmund sagt: Blut ist dicker als Wasser. Warum eigentlich? Zwischenmenschliche Beziehungen sind fast immer Tauschakte, auch wenn man es sich nicht gerne eingesteht. Das, was man gibt, vergleicht man, meistens nur halb bewusst, mit dem, was man bekommt. Die Balance muss ungefähr stimmen.

Im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, und vielleicht nur dort, gilt diese Regel nicht. Eltern und Kinder geben einander vieles – wenn es gut läuft –, und sie erwarten keine genau abgemessene Gegenleistung dafür. Altruismus aus Gründen der Arterhaltung.

Ohne Familie wird die Gesellschaft untergehen, so lautet die Kurzfassung des Buchs, in einem Satz. Es ist sehr gut geschrieben. „Minimum“ liest sich sehr dramatisch. Am Ende, wenn man als Leser natürlich das Tröstende oder den Lösungsvorschlag erwartet, vollzieht „Minimum“ eine Spitzkehre und wendet sich den Frauen zu. Die Bedeutung der Frauen werde in der schrumpfenden Gesellschaft wachsen, schon heute würden sich die Menschen ja eher Töchter als Söhne wünschen. Allerdings wird das überhaupt nicht belegt, es ist nur so eine Idee. Und in seinem jüngsten „Spiegel“-Interview erklärt der Autor das Gegenteil, nämlich, dass Frauen in Zukunft knapp werden. Fest steht jedenfalls eines, nämlich dass Frauenthemen bei uns Medienschaffenden im Augenblick gerade Konjunktur haben.

An den Thesen des Buchs ist ganz bestimmt viel Wahres, zum Beispiel, dass die Singles das Haltbarkeitsdatum ihrer Freundschaften gern überschätzen, oder dass eine Gesellschaft mit wenigen Kindern unbeweglicher ist als eine Gesellschaft mit vielen Kindern. Natürlich kann man sich alle möglichen Fragen stellen. Was zum Beispiel ist aus der guten alten Überbevölkerung geworden, die noch vor dreißig Jahren als drohender Weltuntergang in jedem fünften Leitartikel an die Wand gemalt wurde? Ist die Familie nicht auch, im Leben wie in der Literatur, ein Schauplatz des größtmöglichen Unglücks und der schauerlichsten Dramen, kann Familie neben den edelsten Regungen nicht auch die niedrigsten aus uns herauskitzeln? Auch dafür ließen sich schaurige Beispiele finden. Warum geben eigentlich so viele Wohlhabende ihre Eltern ins Altenheim?

Man kann sich fragen, ob Frank Schirrmacher nicht vielleicht sein eigenes, wohlsituiertes Milieu mit Deutschland als Ganzem verwechselt, weil er Familie als eine von Geschichte und Sozialem unabhängige Urkraft beschreibt. Denn der deutsche Kindermangel ist ja, so bizarr es klingt, in erster Linie ein Besserverdienenden- und Akademiker-Phänomen. In der Unterschicht gibt es sie noch, die Fünf-Kinder-Familie, das lässt sich bei jedem Spaziergang in Suburbia studieren, nicht selten in der Erscheinungsform „Fünf Kinder von drei Vätern, plus Hartz IV“. Ob dort wirklich das Mitgefühl und die Selbstlosigkeit wohnen? Den vergötterten Prinzen und Prinzessinnen aus den Einbiszweikindfamilien der Professoren und Topjournalisten stehen jedenfalls die verwahrlosten, im Extremfall zu Tode verwahrlosten Kinder aus dem unteren Drittel der deutschen Gesellschaft gegenüber. Dort wird nicht das Drama vom Donner-Pass nachgespielt, dort läuft ein anderes Stück.

Frank Schirrmacher selber hat offenbar ein Kind, die Mutter und er leben getrennt. Auch diese Frage stellt man sich: Wie ist das, wenn man ein Buch schreibt, in dem eine bestimmte Verhaltensweise als Untergangsursache unserer Gesellschaft geschildert wird, und der Autor selbst hält es womöglich exakt genauso? Das Kinderkriegen und das Familiengründen sind private, intime Entscheidungen, die aber politische Folgen haben. Wenn man ein so entschiedenes Buch über das Thema Familie schreibt, sollte man es sich nicht ersparen, auch einmal auf sich selbst und seine eigenen Lebensentscheidungen zu sprechen zu kommen. Nicht aus moralischen Gründen, nein, es macht nur die Argumentation ein wenig runder.

All diese Fragen kann man sich stellen. Man kann es auch bleiben lassen. Denn „Minimum“ liest sich gut, es ist wirklich ein spannendes Buch,. Man klappt es in dem Bewusstsein zu, dass der Donner-Pass der neue Shooting-Star unter den amerikanischen Bergstraßen ist und es mit uns allen ein schlimmes Ende nehmen wird. Erstaunlicherweise ist das ein gutes Gefühl.

Frank Schirrmacher: Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gesellschaft. Blessing Verlag, München. 192 Seiten, 16 €.

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