Kultur : Baby, lass uns tanzen

Grandios zusammengezimmert: das Debütalbum der britischen Band Hot Club de Paris

Christian Tretbar

Ehrlich sind sie, laut und auf der Suche: nach sich selbst. „What’s my motherfucking name?“, fragen sich Paul Rafferty, Matthew Smith und sein Bruder Alasdair. Ihr lieblich säuselnder A-capellaChoral schlägt nach fünf Sekunden um in die Lärmkaskaden sägender Gitarren, eines dumpf stampfenden Basses und eines präzis polternden Schlagzeugs. „Who Am I (What’s My Name“) heißt der Song, der in 2 Miunten und 11 Sekunden einen ganzen Krimi erzählt, über einen Casinobetrüger, der seinen fundamentalsten Trick verrät: Man muss immer cool bleiben, egal ob am Spieltisch oder in der Liebe. Rafferty und die Smiths sind sehr jung, Anfang 20, das hört man sofort, und sie haben der Welt etwas mitzuteilen. Trotzdem fragen sie am Ende ihrer Hymne noch immer hilfesuchend: „What’s my name?“

Dabei werden sie von der englischen Musikpresse bereits als nächstes großes Pop-Ding gefeiert, auch bei den kontinentalen Freunden englischen Gitarrenrocks dürfte ihr Name bald ein Begriff sein. „Hot Club de Paris“ nennen sich die drei Liverpooler in Anlehnung an Django Reinhardt und seinen Jazzclub in Paris. „Drop It Til It Pops“ heißt ihr Debütalbum, der schnoddrig-verspielte Titel passt bestens zum wilden Genre-Mix ihrer Musik. Irgendwann, so muss man ein Stück wie „Who Am I?“ wohl deuten, hat das Trio bei den nur zwölf Tage dauernden Aufnahmen wahrscheinlich selbst nicht mehr gewusst, wo es herkommt und wo es eigentlich hin will. Sänger und Gitarrist Paul Rafferty, Bassist Matthew Smith und Schlagzeuger Alasdair Smith haben tief in die Werkzeugkiste der jüngeren und jüngsten Rock’n’Roll-Geschichte gegriffen, nichts klingt wirklich neu oder umstürzlerisch, aber souverän zusammengezimmert und mitreißend sind die 13 Songs allemal. Die brachialen Gitarrenriffs wirken wie aus dem AC/DC-Klassiker „Thunder“ herausgeschnitten, es gibt Punk- und Ska-Rhythmen in der Tradition von The Clash und der Gang Of Four, die ungestüme Energie erinnert an die Arctic Monkeys.

In Interviews verweisen Hot Club de Paris gerne auf ihre Vorliebe für amerikanische Bands wie die Talking Heads, We Are Scientists oder die Minutemen, aber ihre Haupteinflüsse, das ist unüberhörbar, kommen aus England. Mit den Arctic Monkeys, Auslösern des jüngsten britischen Pop-Hypes, teilen Hot Club de Paris auch den harten nordenglischen Slang, in dem sie atemlos Alltagsszenen, Selbstauskünfte und Nonsenszeilen aneinanderreihen. „I’ll show you, show you, show you, baby, this is the way we d-d-d- dance“, stottern sie in einem Partyknaller mit dem überlangen Titel „Sometimes It’s Better Not To Stick Bits Of Each Other In Each Other For Each Other“.

Eine Warnung unter Freunden: Manchmal ist es besser, eigene Körperteile nicht in andere Körperteile zu stecken. „Wir sind gute Kids und unsere Eltern sollten stolz auf uns sein“, beteuern sie. „Trotzdem war es vielleicht nicht gerade superklug, all diese Texte auf ein Album zu packen, das unsere Eltern hören werden.“ Hot Club de Paris für bloße Arctic-Monkeys-Epigonen zu halten, täte ihnen unrecht. „Unsere Wurzeln sind Bands mit ungewöhnlichen Ideen und komplexen musikalischen Ansätzen“, sagt Matthew Smith. „Wir würden nicht die Musik machen, die wir machen, wenn wir nur mit purem Punkrock aufgewachsen wären.“

Kennengelernt haben sich die drei Musiker in Chester, einer alten Industriestadt bei Liverpool. Paul Rafferty arbeitete für eine Zeitarbeitsfirma auf einer Pferderennbahn und traf dort Matthew Smith. Beide erkannten schnell, dass die Musik ihre gemeinsame Leidenschaft ist. Sie holten Matthews Bruder Alasdair mit ins Boot und gründeten die Band. Alasdair ist gelernter Pianist, von ihm stammen die Melodien. Bei einem Auftritt in London wurde ein Mitarbeiter eines Labels auf die Band aufmerksam und ließ sich ein paar Demotapes schicken. Kurz danach hatten Hot Club de Paris ihren Plattenvertrag. Auch in Berlin hat das Trio schon gespielt. Allerdings wurde ihm bei einem Auftritt im Bastard gleich eine Gitarre geklaut. Vermutlich war der Name der Band dem Dieb noch kein Begriff. Das wird sich ändern.

„Drop It Til It Pops“ erscheint am Freitag bei Moshi Moshi/RTD

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