Babylon-Ausstellung : Wem gehört die Antike?

Nofretete, Pergamonaltar, Bronzen aus Benin: Berliner Museen stehen mehrfach im Fadenkreuz von Herausgabeforderungen. Die Babylon-Ausstellung macht die Konflikte um das Eigentum an Altertümern deutlich.

Bernhard Schulz
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Babylon an der Spree. Ischtartor und Fassade des Thronsaales geben eine Ahnung von den Leistungen dieser Hochkultur - in Berlin. -Foto: SMB

Zum Jahrestag des irakisch-iranischen Krieges fand 1981 ein Festival inmitten der Ausgrabungsstätten des alten Babylon statt. Das Motto des Festivals, „Gestern Nebukadnezar, heute Saddam Hussein“ bezog sich unmissverständlich auf die Gegenwart des irakischen Regimes. „O Söhne des mittleren Euphrat, o Völker von al Hilla“, rief einer von Saddams Getreuen in seiner Eröffnungsansprache aus, „eure Verehrung für Saddams Krieg, geführt unter dem Motto ,Gestern Nebukadnezar, heute Saddam‘, knüpft die Bande zwischen den historischen Errungenschaften dieses Landes und denen von heute, und die Fahnen des Sieges flattern unter der Führung des furchtlosen und begnadeten Führers Saddam Hussein.“

1979 hatte Saddam das Präsidentenamt des Irak errungen. Die Ausgrabungsstätten dieses von den Kolonialmächten auf der Landkarte gezeichneten Staates dienten ihm als wichtiger Legitimationsquell seiner Herrschaft. Die ganze uralte Vergangenheit sollte eine „irakische“ Identität unterfüttern und nicht, wie in islamischen Ländern üblich, allein diejenige ab der Eroberung durch Mohammeds Armeen.

Zum Symbol dieser historischen Grundlegung des heutigen Irak war Babylon ausersehen, wo gleich drei Museen zur Darstellung der Geschichte geplant waren. Eines mit dem Namen Nebukadnezars für die spätere babylonische Zeit, ein weiteres für das ältere Babylon war nach Hammurabi benannt und das dritte für die hellenistische Periode nach Alexander dem Großen: Wäre der Eroberer aus Makedonien nicht vorzeitig gestorben, hätte er sein Absicht, Babylon zur Hauptstadt seines Weltreichs zu machen, wohl in die Tat umgesetzt.

Hammurabi, der von 1792 bis 1750 v. Chr. regierte und als Gesetzgeber eine Figur der Weltgeschichte wurde, hinterließ eine Sammlung von Rechtsschriften, die auf der berühmten, nach ihm benannten Stele nachzulesen ist. Sie wird heute im Pariser Louvre aufbewahrt. In der aktuellen Babylon-Ausstellung im Berliner Pergamonmuseum ist die Stele durch einen Gipsabguss vertreten; der originale Basalt darf das Pariser Museum nicht verlassen. Würde der Besucher den Unterschied erkennen, wenn er ihm nicht über die Beschriftung mitgeteilt würde? Und wenn nicht: Mindert die Tatsache, dass es sich um eine Kopie handelt, das Erlebnis der Berliner Ausstellung oder gar den Erkenntnisgewinn, den sie bereithält?

Diese Fragen verschränken sich mit den Kontroversen, die seit einigen Jahren verstärkt über archäologische Objekte geführt werden: zwischen den Museen, die sie hüten, und den Vertretern und Advokaten von Staaten, die sie zurückfordern. Die Berliner Babylon-Ausstellung ist ein Brennglas, in dem die immer wieder aufgeworfenen Fragen sich bündeln.

Zum Beispiel die Frage nach den Eigentumsverhältnissen. Als ein Schlüsseldokument der Weltkultur war die übermannshohe Stele mit dem 281 Paragrafen umfassenden „Codex Hammurabi“ 1901 nach damaligem Recht legal nach Paris verbracht worden, als Ausgrabungsstück. Entdeckt wurde sie im altpersischen Susa, einer Stadt aus gleichfalls vergangener Kultur. Gehört sie also dorthin zurück, in den heutigen Iran? Mitnichten, denn die Elamiter aus der Region östlich von Babylon hatten die Stele des Hammurabi 600 Jahre nach deren Errichtung ihrerseits aus Babylon geraubt und in ihre Hauptstadt Susa geschleppt. Damit ist Hammurabis Gesetzessammlung das älteste bekannte Beispiel von looted art, von Raubkunst – nebenbei der in der Geschichte am häufigsten praktizierten Form der Aneignung – und zugleich von Wertschätzung – fremder Kulturen.

Berlins Museen stehen mehrfach im Fadenkreuz von Herausgabeforderungen, ob im Falle der ägyptischen Königin Nofretete, des Pergamonaltars oder – weniger lautstark, weniger populär – der Bronzen aus Benin, die erst jüngst in einer grandiosen Ausstellung zur Hochblüte dieser afrikanischen Kultur in den Dahlemer Museen Staunen machten.

„Who Owns Antiquity?“, hat James Cuno, der als Direktor des Art Institute of Chicago einem der großen Museumskomplexe der USA vorsteht und zuvor lange Jahre die Museen der Harvard-Universität geleitet hat, sein soeben erschienenes Buch zu diesem Thema überschrieben (Princeton University Press, 24,95 $). Wem gehört die Antike, wem gehören ihre Altertümer? Die Diskussion bewegt alle großen Museen, am stärksten die der angelsächsischen Welt, die sich als Hort kolonialistischen Denkens angegriffen sehen. Vor einem Jahr hat Philippe de Montebello, der langjährige Direktor des New Yorker Metropolitan Museum, in einem Vortrag in der American Academy Berlin ebendiese Probleme unter der noch weiter gefassten Frage „Who owns culture?“ behandelt.

Darin deutet de Montebello auf die eng verwandte Frage, ob überhaupt jemand Kultur „besitzen“ könne. Das unbestrittene Recht jedes Nationalstaats, Eigentums- und Besitzrechte an Kulturgütern auf seinem Grund und Boden zu regeln und daher – wie heute selbstverständlich – die Funde von Ausgrabungen im eigenen Land selbst zu behalten, steht im Konflikt mit dem Interesse Dritter, Zeugnisse einer Kultur zu sammeln, deren geografische Ausdehnung im Übrigen mit den Grenzen heutiger Staaten keinerlei Übereinstimmung aufweisen muss. Gehört der griechisch-hellenistische Pergamonaltar in die Türkei, die erst seit osmanischen Zeiten die kleinasiatische Fundstelle des Zeus-Altars umfasst?

Am heftigsten wird die Debatte über Eigentümerschaft und Aufstellungsort antiker Objekten am Fall der „Elgin Marbles“ genannten Teile des Athener Parthenonfrieses geführt, die im British Museum in London bewahrt werden. Großbritannien beansprucht sie für sich, Griechenland fordert sie zurück. Dabei ist die populäre Vorstellung von „Rückkehr“ auch in diesem scheinbar so eindeutigen Fall etwas schief: Denn an eine Anbringung am Parthenon ist durchaus nicht gedacht.

Vielmehr sollen die Marmortafeln im neuen Akropolis-Museum unterhalb des historischen Athener Burgbergs gezeigt werden: mithin „museal“ wie in London auch. Neil MacGregor, Direktor des British Museum und Mitorganisator der Babylon-Ausstellung, bezieht seit Jahren eindeutig Stellung. Es sei „eine der Aufgaben eines Universalmuseums, zu verhindern, dass Objekte von einzelnen politischen Zweckbestimmungen angeeignet“, gar als „nationalistische Symbole“ dienstbar gemacht würden. Zum geflügelten Wort wurde MacGregors Hinweis, das Griechische der griechischen Kunst werde im Museum doppelt deutlich, jedenfalls besser als am Ursprungsort. Denn im Museum steht die Kunst Ägyptens oder der Sumerer nur wenige Schritte weiter zum Vergleich bereit.

Diesen Vorteil kann auch die Berliner Museumsinsel für sich in Anspruch nehmen. Und sie hat, wie in der Babylon-Ausstellung zu sehen, noch eine Besonderheit. Hier im Pergamonmuseum ist als Frucht enormer archäologischer Anstrengungen schon seit 1930 zu bewundern, was in Babylon seit Jahrtausenden untergegangen war: die Prozessionsstraße mit dem Ischtartor. Über die Zulässigkeit einer solchen ergänzenden Rekonstruktion wird heute weit strenger geurteilt als im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, zur Zeit der Hochblüte der Archäologie. Doch erst die Illusion einer zinnengekrönten Mauerwerksanlage macht die historische Größe des Stadtstaates von Babylon für jedermann erkennbar. Was als tausendfach zersplitterte Scherben im Wüstensand überdauerte, ist in Berlin zur Anschauung einer frühen urbanen Hochkultur zusammengefügt worden. Und: Erst in diesem Kontext erfahren die anderen im Museum präsentierten Fundstücke ihre ganze Bedeutung. Erst die Mischung aus den originalen Reliefziegeln und der Ergänzung des Bauwerks in die Höhe lässt die beeindruckende Leistung der Babylonier hervortreten.

Wohin also gehören die babylonischen Objekte? Nach Berlin? In ein rekonstruiertes Babylon? Hat die Kultur Babylons am Euphrat überhaupt noch ein Zuhause? Selbstverständlich nicht, ließe sich mit Blick auf die aktuellen Verhältnisse im Irak leicht einwenden. Doch geht es nicht um ein einzelnes, kriegsgebeuteltes Land. Es geht vielmehr um einen Grundkonflikt. Einerseits ist es die Überzeugung aller Nationalstaaten, dass Kulturgüter untrennbar auf den Grund und Boden gehören, auf dem sie physisch entstanden sind oder aufgefunden wurden – ihren eigenen nämlich. Andererseits aber ist ein Forschungsobjekt wie das babylonische Ischtartor, sind die Leistungen der deutschen Archäologie ebenso Teil der deutschen kulturellen Identität. Und Frankreich etwa betont seit der Revolutionszeit, dass es die Schätze des Louvre nicht eigentlich besitzt, sondern treuhänderisch für die ganze Menschheit bewahrt – doch würde es niemals deren Abwanderung aus Paris erlauben.

Mit der Globalisierung hat sich die Frage des Standorts nochmals verändert. Denn während die Aufbewahrung unersetzlicher Objekte zuvor eine Sache allein der Großmuseen der westlichen Welt war, bieten sich zunehmend Museen in anderen Ländern als Standort an, die gleiche, wenn nicht bessere Bedingungen bieten. Was sich in den wohlhabenden Emiraten am Persischen Golf als Museumsboom ankündigt, ist in seinen Auswirkungen noch gar nicht abzuschätzen. Die im Spätherbst anstehende Eröffnung des Museums für Islamische Kunst nach dem Entwurf des Louvre-Neugestalters I. M. Pei in Doha ist dafür ein Beispiel.

Es bleibt die Frage, „wem Babylon gehört“. James Cuno schließt sein Buch mit der Betrachtung einer „gemeinsamen Kultur“: „Sie ist nicht das Eigentum der einen oder anderen modernen Nation und wird es auch niemals sein. Und sie verdient, als das bewahrt und miteinander geteilt zu werden, was sie ist: unser gemeinsames kulturelles Erbe als menschliche Wesen.“ Die Berliner Babylon-Ausstellung bietet Anlass genug, über die Mauern des eigenen Standorts hinauszublicken – auch wenn Babylons schönste Mauern in Berlin bleiben werden, ein Stück Orient im Okzident.

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