Kultur : Babylon-Mitte widmet ihm jetzt eine kleine Retro

Jan Gympel

Die Kultur ist oft ein genauer Seismograph für politische Umbrüche, auch für Umbrüche der langsamen Art. So machte sich im tschechoslowakischen Kino schon Anfang der sechziger Jahre eine experimentier- und kritikfreudige Aufbruchstimmung breit, so stark wie im Ostblock sonst höchstens noch in Polen und lange bevor es zum Prager Frühling kam. Die rasch international beachtete "Neue Welle" zeigte Spaß am Spielerischen, Surrealen und damit auch nicht so leicht Festzulegenden. Eines der bekanntesten Beispiele: Vera Chytilovas fröhliche Konsumorgie Tausendschönchen - ihre beiden Protagonistinnen huldigen dem Hedonismus, benehmen sich girliemäßig rüpelhaft und beschließen nach der unsentimentalen Erkenntnis, wie schlecht die Welt ist, sich auch entsprechend zu benehmen. Das alles passt hervorragend in unsere postmodernen Zeiten, weshalb der Film wohl auch so gern gezeigt wird. Aber es passte nicht den Hütern der reinen kommunistischen Lehre: "Der destruktive Zynismus feiert Orgien", wetterte etwa die Ost-Berliner Nationalzeitung 1968 - als sich die Panzer des Warschauer Paktes schon daran gemacht hatten, mit dem Prager Frühling auch das tschechoslowakische "Filmwunder" der Sixties niederzuwalzen (Brotfabrik, bis Mittwoch). - In der DDR waren die Pflänzchen der Erneuerung schon zwei Jahre früher dem 11. ZK-Plenum der SED zum Opfer gefallen. Dabei verschwand auch Jürgen Böttchers Spielfilmdebut Jahrgang 45 über ein etwas nonkonformistisches junges Paar im Ost-Berlin im Giftschrank. So musste Böttcher beim Dokumentarfilm bleiben - und brachte es hier zu einem der interessantesten Regisseure Ostdeutschlands. Das Babylon-Mitte widmet ihm jetzt eine kleine Retro, die mit "Jahrgang 45" (Montag und Mittwoch) und Die Mauer von 1990 (Dienstag und Mittwoch) beginnt.

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