Kultur : Bach und Bruckner sind leider lauter als schön

Uwe Friedrich

Vor 50 Jahren zeigten große Dirigenten ihre Bach-Verehrung, indem sie seine intimen Kammerkompositionen auf romantische Symphonieorchestergröße aufgebliesen. Auch Igor Markevitch richtete Bachs "Musikalisches Opfer" für großen Streicherapparat, Oboe, Englisch Horn, Querflöte und Cembalo ein, wohl weil er es so für leichter konsumierbar hielt. Das Berliner Sinfonie-Orchester spielt bei nur matt leuchtendem Ton mit betontem Legato, und obwohl die breit aufgefächerten Gruppen in Stereoeffekten die Strukturen deutlich machen sollen, fließt die Musik unter Jac van Steen ziellos dahin. So kommt auch das Ende eher unerwartet, weil Sinn und Form nicht deutlich werden. Die flimmernd-unbestimmte Aura zu Beginn der vierten Symphonie von Anton Bruckner hält das BSO hingegen wunderbar in der Schwebe. Langsam schält sich der Hornruf aus dem berühmten Es-dur-Urnebel und verschmilzt mit dem Streichertremolo zum vielversprechenden Anfangssignal. Doch schon die hereinbrechenden Posaunen zeigen das große Balanceproblem dieser Symphonie. Als wollten sie beweisen, dass sie mindestens so laut und brillant spielen können wie das lärmige Chicago Brass, schmettern sie drauf los, was die Saalakustik des Schauspielhauses hergibt. "Niemals lauter als schön", diese alte Klavierlehrerweisheit wird souverän ignoriert, als bizarre Fremdkörper stehen ihre Signale im Raum. Die Höhepunkte sind so nicht mehr Gipfel evolutionärer Entwicklungen im Leben der Symphonie, sondern ragen als erratische Blöcke daraus hervor. Nachdem das Andante ein bisschen langweilig vorübergeplätschert ist, gelangen Dirigent Jac van Steen und das Orchester im Scherzo zu Hochform, indem die fabelhaften Holzbläser bäuerliche Behaglichkeit und Naturidylle schroff gegen die grotesk taumelnden Jagdsignale stellen. Im letzten Satz verlassen sich alle Beteiligten jedoch wieder auf die schiere Lautstärke als einziges Gestaltungsmittel, Details bleiben auf der Strecke, und wahre Freude kommt erst auf, als der Spuk vorüber ist.

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